Walkopf in der Kohlenwäsche – Der Patriocetus in Essen und seine Geschichte

von Johannes Albers | cetacea.de | Essen | 10. Juli 2020

Zur Eröffnung des Europäischen Kulturhauptstadtjahres RUHR 2010 in Essen wurde in der dortigen ehemaligen Zollverein-Kohlenwäsche das neue Ruhr-Museum eingeweiht. Zu dessen zahllosen Exponaten gehört auch ein fossiler Walschädel aus einer bis heute rätselhaften Gattung, der seit seiner Entdeckung eine bemerkenswerte Geschichte erlebte und bis heute wissenschaftlich unbeschrieben ist.

Die Rheinbrücke von Krefeld-Uerdingen. Beim Bau ihrer beiden Strompfeiler wurde 1935/36 der Schädel des Patriocetus gefunden. Er stammt aus Schichten des oberen Oligozäns, als hier nicht der Rhein floss, sondern noch Meer war. © Photo: J. Albers

27 oder 28 Millionen Jahre mag es her sein. Damals, in der Zeit des oberen Oligozän, war Europa eine reich gegliederte Landschaft aus Landzungen und Meeresarmen. Die Niederrheinische Bucht war mit Salzwasser gefüllt. Darin schwamm und starb jener Wal, dessen Schädel später eine wechselvolle Karriere zwischen Forschung und Vergessenheit, zwischen Panzerschrank und Pappkarton erlebte.

Dieser Wal glich äußerlich einem etwas überdimensionierten Delfin, war aber viel urtümlicher. Über sein Grab bei Krefeld-Uerdingen floss später der Rhein. Entdeckt wurde der 77 Zentimeter lange Schädel beim Bau der Strompfeiler für die Uerdinger Rheinbrücke 1935/36. Er wurde dem Geologie-Professor Michael Albert Steeger übergeben, der ihn an das Essener Ruhrlandmuseum weiterreichte, aus dem später das Ruhr-Museum entstanden ist. Damals in den 30er Jahren hatte das Museum sein Domizil im ehemaligen Kruppschen Ledigenheim am Bahnhof Essen-West. Heute ist dieses Gebäude nach einer Renovierung als Essens „Weißes Haus“ bekannt.

Die Fachwelt tat sich schwer mit dem Uerdinger Walschädel: In einer der sonst leeren Zahnhöhlen steckte anscheinend ein Pflasterzahn, wie er sich zum Zerknacken von Muscheln oder Krebsen eignet. Solche Zähne sind bei Walen aber unbekannt. Und so kam es, dass der merkwürdige Schädel nicht formell beschrieben wurde. Der Pflasterzahn passte einfach nicht ins Schema. Erst nach längerer Zeit stellte sich heraus, dass der vermeintliche Zahn nur ein ordinärer Kieselstein war, der sich in einer Zahnhöhle festgesetzt hatte. Dafür fand man in dem Sediment, das dem Fossil anhaftete, noch einen echten Zahn mit schmaler Krone, die außer der Hauptspitze noch mehrere Nebenzacken auf dem schneidenartigen Rand trug. Das passte endlich ins Bild von einem fossilen Wal.

Obere Bildhälfte: Ein Abguss des Uerdinger Patriocetus-Schädels zeigt mit heller Einfärbung an, wo beim Original noch Sedimentschichten auf dem Fossil hafteten. Der Originalschädel wurde im 2. Weltkrieg stark beschädigt, die Schnauze ist komplett abgebrochen. Unter dem Schädel ein oligozäner Walwirbel aus dem niederrheinischen Rees. Aufnahme aus den 90er Jahren im Mineralienmuseum Kupferdreh (Außenstelle des damaligen Ruhrlandmuseums, heutigen Ruhr Museums). Photo: J. Albers

Man rechnet das Tier zur Gattung Patriocetus, zu Deutsch: vaterländischer Wal. Der Name versteht sich aus österreichischer Perspektive, denn ursprünglich ist die Gattung aus Linz in Österreich bekannt, wo man 1841 und 1910 fossile Schädel fand. Zunächst der Gattung Squalodon (Haizähner) zugeordnet, stellte der Wiener Professor Othenio Abel 1913 formell die neue Gattung Patriocetus auf und richtete auch eine neue Familie Patriocetidae ein. Die stellte er in die Unterordnung der Urwale (Archaeoceti), betrachtete sie aber als missing link zwischen den anderen Urwalen und den Bartenwalen (Unterordnung Mysticeti). Diese Einordnung von Patriocetus, immer schon umstritten, ist heute überholt:

In den 60er Jahren zeigte der Mainzer Paläontologe Karlheinz Rothausen (verstorben 2020), dass Abel Brüche im Fossil für biologische Knochengrenzen gehalten hatte und dadurch zu irrigen Interpretationen gelangt war. Tatsächlich zeigt die von Abel nicht erkannte Aufschiebung der Oberkieferknochen nach hinten auf die Stirnbeine an, dass Patriocetus ein Angehöriger der Zahnwale (Unterordnung Odontoceti) ist. Er stellt einen ihrer frühen und noch sehr urtümlichen Vertreter dar.

Doch in einem anderen Punkt irrte Rothausen selbst: Er meinte, im Verlauf der Stammesgeschichte hätte die rückwärtige Ausdehnung der Stirnbeine die Scheitelbeine vom Schädeldach zu den Seiten abgedrängt. Etwa so wie kollidierte Eisschollen. In den 70er Jahren zeigten hingegen am Linzer Material die Amerikaner Frank Whitmore (verstorben 2012) und Albert Sanders (verstorben 2019), dass die Scheitelbeine sehr wohl die ganze Breite des Schädeldaches einnehmen wie bei dem noch primitiveren Zahnwal Agorophius. Sie werden jedoch in der Mitte von hinten her durch das Supraoccipitale überlagert.

Rothausen schaffte Abels Familie Patriocetidae als solche wieder ab und wertete sie in den 60er Jahren nur noch als Untergruppierung innerhalb der Squalodontidae. Andere Vorschläge zielten später auf eine Einordnung von Patriocetus in die Familie Agorophiidae oder auf eine Wiedererrichtung der Patriocetidae als eigene Familie. Eine neuere Analyse legt auch eine Nähe zu Waipatia nahe, der Typusart der Waipatiidae. So ist bis heute die Frage der Familienstellung von Patriocetus nicht endgültig geklärt. Diesem Schwebezustand der wissenschaftlichen Diskussion entspricht geradezu symbolhaft die aktuelle Ausstellungsweise des Uerdinger Schädels in der ehemaligen Kohlenwäsche: Das Stück liegt in einer Vitrine, die an einer steilen Treppe trägergestützt über einen Abgrund ragt (Zugang von der 12-Meter-Ebene aus; bei Station 13: Traditionen – Kulturlandschaft).

Am Uerdinger Patriocetus waren Einzelheiten der Knochengrenzen lange Zeit schlecht zu erkennen, weil viel Sediment auf dem Schädel klebte, wie bei dem Material in Linz. Zwei verschiedene Bearbeitungsstufen wurden in Gestalt unterschiedlicher Abgüsse dokumentiert:

Der ältere Abguss zeigt den Zustand kurz nach der Ausgrabung, noch mit Kieselstein in der Zahnhöhle. Eine Kopie dieses Abgusses wurde 1961 erstellt und in Essen bis Mitte der 90er Jahre ausgestellt, während der ursprüngliche Abguss (wie auch die negative Gussform) nicht mehr vorhanden ist. Die Kopie sah der Geologe Fritz von der Hocht bei einem Museumsbesuch 1970 und machte daraufhin den Paläontologen Rothausen auf die Existenz des Uerdinger Wals aufmerksam.

Die zweite Bearbeitungsstufe wurde bei einer Nachpräparation wohl um 1940 in Berlin erreicht. Ein Abguss davon lag jahrzehntelang unkatalogisiert im Ostberliner Museum für Naturkunde und zeigt den aufgefundenen Zahn in den Kiefer eingesetzt – nur leider falsch herum.

Das blieb vom Uerdinger Patriocetus übrig. Hier liegt das Originalfragment des Schädels auf dem Arbeitstisch des alten Ruhrlandmuseums. Vom Sediment ist es freipräpariert. Zu sehen ist die linke Seite. Ausgestellt ist das Stück heute im neuen Ruhr Museum in Essen, in der ehemaligen Zollverein-Kohlenwäsche. Photo: J. Albers

1939 musste das Ruhrlandmuseum seine Herberge im Kruppschen Gebäude verlassen, das nun für andere Zwecke gebraucht wurde. Im Zweiten Weltkrieg lag der Walschädel als besonders wertvolles Stück in einem Stahlschrank im Keller des Essener Folkwang-Museums. Doch eine Bombe schlug ein und knackte den Schrank: Dem vaterländischen Wal brach die Schnauze ab. Deshalb wurde er zur Deutschen Bank gebracht und dem dortigen Tresor anvertraut. Doch auch der konnte dem Bombenhagel nicht standhalten: Die abgebrochene Schnauze wurde völlig zerstört; heute ist praktisch nur noch die Schädelkapsel erhalten. Ihr Verbleib war in der Nachkriegsära lange unklar, bis der Paläontologe Klaus Peter Lanser das Stück in einer Nashorn-Schublade wiederfand, versteckt hinter Schädelbruchstücken des Wollhaarnashorns.

Professor Rothausen lieh sich nicht nur die Abguss-Kopie von 1961 aus, sondern 1979 auch das Originalfossil, das er weiter von Sediment freipräparierte. In den Sedimentresten wurden Mikrofossilien entdeckt, die vom damaligen Geologischen Landesamt (heute: Geologischer Dienst) in Krefeld untersucht wurden. Desgleichen fanden sich Weichtierreste, die der Marburger Experte Anderson untersuchte. Eine weitere Ausleihe an Rothausen erfolgte 1989 – 1992 und führte dazu, dass der Berliner Abguss ausfindig gemacht und identifiziert wurde. Er wurde seinerseits nach Essen ausgeliehen, wo eine Kopie erstellt wurde. Sie zeigt durch helle Färbung an, wo am Originalschädel noch Sedimentschichten gesessen hatten.

Diese Kopie einer Kopie ersetzte im Ruhrlandmuseum 1995 das ältere Ausstellungsobjekt, wanderte dann aber in eine Außenstelle (das Mineralienmuseum Kupferdreh), bis sie auch dort verschwand. Der fragmentierte Originalschädel lag derweil im Keller des Museums in einem braunen Pappkarton verstaut. 2001 – 2004 war nichts von dem Uerdinger Wal mehr öffentlich ausgestellt. Nur für kurze Zeit, von Dezember 2004 bis Februar 2005, prunkten das Originalfragment und die Kopien der Abgüsse beider Bearbeitungsstufen vor dem Kriegsschaden, in der Sonderausstellung zum hundertjährigen Jubiläum des Ruhrlandmuseums. Danach wurde alles wieder weggeräumt.

2006 scheiterte ein Versuch, den Schädel zum 750-Jahre-Jubiläum Uerdingens leihweise dorthin zu bekommen. Erst seit Januar 2010 wird er, nach Umzug und Umbenennung des Museums in Essen, wieder öffentlich gezeigt. Die Abformung nach der Berliner Vorlage durfte 2012 – 2014 als Leihgabe die Ausstellung „Wale – Riesen der Meere“ im Museum für Naturkunde in Münster bereichern. Während die Ausstellung dieser Objekte zu begrüßen ist, besteht aber auch weiterhin Forschungsbedarf zum Uerdinger Wal:

MUSEUMSADRESSE IN ESSEN
Ruhr Museum
Zollverein A 14
(Schacht XII, Kohlenwäsche)
Gelsenkirchener Straße 181
45309 EssenInfotelefon (0201) 88 45 200
Fax (0201) 88 45 138
www.ruhrmuseum.de
Geöffnet täglich 10 – 19 Uhr

Karlheinz Rothausen und Albert Sanders fanden, dass der Patriocetus von Uerdingen einer anderen (noch unbenannten) Art angehört als die Schädel aus Linz (Patriocetus ehrlichii). Sie machten sich an eine Beschreibung der neuen Art, wobei Rothausen von dem früheren Usus abgehen wollte, für die Linzer Art eine verkürzte Namensvariante zu verwenden: Er folgte damit einer Studie, in der ich mit einem deutsch-österreichischen Team dargelegt habe, wie der korrekte Name lauten muss. Nachdem aber Sanders und Rothausen innerhalb eines halben Jahres beide verstarben, bleibt die Beschreibung der neuen Art bis auf weiteres unvollendet.

Eine dritte Art von Patriocetus, in den 60er Jahren in Kasachstan gefunden, erhielt 2000 den Namen Patriocetus kazakhstanicus. Bemerkenswert ist, dass der Uerdinger Wal im Unterschied zu den Tieren aus Linz und Kasachstan nicht aus dem Bereich der sogenannten Paratethys stammt, einem nördlichen Nebenmeer der Tethys (Ur-Mittelmeer), das sich im Oligozän von Asien nach Europa erstreckte. Doch gab es im Oligozän zeitweise eine Meeresverbindung von der Nordsee über den Rheingraben bis in die Tethysregion.

Zwei Ansichten eines urtümlichen Walzahns aus Rumeln, aufgesammelt durch Fritz von der Hocht. Er vermutet darin einen Patriocetus. Foto: Fritz Hasenburger.

Zeitgleich mit Patriocetus im oberen Oligozän lebten bereits andere Zahnwale, die weiter entwickelt waren. Zumeist geht man davon aus, dass der urige Patriocetus nicht die Zeitgrenze vom Oligozän zum Miozän (und damit vom Paläogen zum Neogen) überschreiten konnte. Doch in Japan hat man Patriocetus-Material auch aus dortigen Schichten des unteren Miozän erkennen wollen. In Deutschland fand Fritz von der Hocht in Rumeln, nördlich von Uerdingen, zusammen mit einem Wirbel auch einen Zahn aus oberoligozänen Schichten, in dem er ebenfalls einen Patriocetus vermutet. So sind die Forschungen und Diskussionen um diese Gattung noch lange nicht beendet. 

LITERATUR ZUM VERTIEFEN

OTHENIO ABEL (1913): Die Vorfahren der Bartenwale. – Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse. Bd. 90: 155-224; 12 Tafeln.

OTHENIO ABEL (1914): Die Herkunft der Bartenwale. – Verhandlungen der kaiserlich-königlichen zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien. Bd. 64: 4-10.

IRINA A. DUBROVO und ALBERT E. SANDERS (2000): A New Species of Patriocetus (Mammalia, Cetacea) from the Late Oligocene of Kazakhstan. – Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 20: 577-590.

ROBERT EWAN FORDYCE (2008): The Rise and Fall of the Squalodontidae. S. 17 – 18 in NAOKI KOHNO (Ed.): Fifth Conference on Secondary Adaptation of Tetrapods to Life in Water. June 9 – 13, 2008, National Museum of Nature and Science, Tokyo. Abstracts.

JONATHAN H. GEISLER, MICHAEL R. McGOWEN, GUANG YANG und JOHN GATESY (2011): A Supermatrix Analysis of Genomic, Morphological, and Paleontological Data from Crown Cetacea. – BMC Evolutionary Biology: http://www.biomedcentral.com/1471-2148/11/112.

FRITZ VON DER HOCHT (2020): Wie kommt ein Walschädel in die Baugrube der Uerdinger Rheinbrücke? – Linner Bürgerpost Nr. I/ 2020: 68-71.

ANTON KÖNIG (1911): Ein neuer Fund von Squalodon Ehrlichii in den Linzer Sanden. – 69. Jahres-Bericht des Museum Francisco-Carolinum. Nebst der 63. Lieferung der Beiträge zur Landeskunde von Österreich ob der Enns: 110 – 121; 1 Tafel.

FELIX G. MARX; JOHANNES ALBERS und BJÖRN BERNING (2011): Lost in Translation – A History of Systematic Confusion and Comments on the Type Species of Squalodonand Patriocetus (Cetacea, Odontoceti). – Palaeontology Bd. 54: 303-307.

KARLHEINZ ROTHAUSEN (1968): Die systematische Stellung der europäischen Squalodontidae (Odontoceti, Mamm.). – Paläontologische Zeitschrift. Bd. 42: 83-104; 2 Tafeln.

KARLHEINZ ROTHAUSEN (1985): The Early Evolution of Cetacea. – Fortschritte der Zoologie. Bd. 30: 143-147.

KARLHEINZ ROTHAUSEN (1994): Die Schritte der Tetrapoden in die Meere des frühen Känozoikums. – Berliner geowissenschaftliche Abhandlungen. E 13 (= B. Krebs -Festschrift): 99-112.

UDO SCHEER (2004): Fragmentarischer Walschädel Patriocetus und zwei unterschiedlich alte Abformungen. S. 108-109 in MATHILDE JAMIN und FRANK KERNER (Hrsg.): Die Gegenwart der Dinge. 100 Jahre Ruhrlandmuseum. Verlag Peter Pomp, Essen und Bottrop.

FRANK C. WHITMORE, JR. und ALBERT E. SANDERS (1976): Review of the Oligocene Cetacea. – Systematic Zoology. Bd. 25: 304-320.

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