Walkopf in der Kohlenwäsche – Der Patriocetus in Essen und seine Geschichte

Zur Eröffnung des Europäischen Kulturhauptstadtjahres RUHR 2010 in Essen wurde in der dortigen ehemaligen Zollverein-Kohlenwäsche das neue Ruhr-Museum eingeweiht. Zu dessen zahllosen Exponaten gehört auch ein fossiler Walschädel aus einer bis heute rätselhaften Gattung, der seit seiner Entdeckung eine bemerkenswerte Geschichte erlebte und bis heute wissenschaftlich unbeschrieben ist.

Die Rheinbrücke von Krefeld-Uerdingen. Beim Bau ihrer beiden Strompfeiler wurde 1935/36 der Schädel des Patriocetus gefunden. Er stammt aus Schichten des oberen Oligozäns, als hier nicht der Rhein floss, sondern noch Meer war.
© Photo: J. Albers

27 oder 28 Millionen Jahre mag es her sein. Damals, in der Zeit des oberen Oligozän, war Europa eine reich gegliederte Landschaft aus Landzungen und Meeresarmen. Die Niederrheinische Bucht war mit Salzwasser gefüllt. Darin schwamm und starb jener Wal, dessen Schädel später eine wechselvolle Karriere zwischen Forschung und Vergessenheit, zwischen Panzerschrank und Pappkarton erlebte.

Dieser Wal glich äußerlich einem etwas überdimensionierten Delfin, war aber viel urtümlicher. Über sein Grab bei Krefeld-Uerdingen floss später der Rhein. Entdeckt wurde der 77 Zentimeter lange Schädel beim Bau der Strompfeiler für die Uerdinger Rheinbrücke 1935/36. Er kam in den Besitz des Essener Ruhrlandmuseums, aus dem nun das neue Ruhr-Museum entstanden ist. Damals in den 30er Jahren hatte das Museum sein Domizil im ehemaligen Kruppschen Ledigenheim am Bahnhof Essen-West.

Die Fachwelt tat sich schwer mit dem Uerdinger Walschädel: In einer der sonst leeren Zahnhöhlen steckte anscheinend ein Pflasterzahn, wie er sich zum Zerknacken von Muscheln oder Krebsen eignet. Solche Zähne sind bei Walen aber unbekannt. Und so kam es, dass der merkwürdige Schädel nicht formell beschrieben wurde. Der Pflasterzahn passte einfach nicht ins Schema. Erst nach längerer Zeit stellte sich heraus, dass der vermeintliche Zahn nur ein ordinärer Kieselstein war, der sich in einer Zahnhöhle festgesetzt hatte. Dafür fand man in dem Sediment, das dem Fossil anhaftete, noch einen echten Zahn mit schmaler Krone, die außer der Hauptspitze noch mehrere Nebenzacken auf dem schneidenartigen Rand trug. Das passte endlich ins Bild von einem fossilen Wal.

Obere Bildhälfte: Ein Abguss des Uerdinger Patriocetus-Schädels zeigt mit heller Einfärbung an, wo beim Original noch Sedimentschichten auf dem Fossil hafteten. Der Originalschädel wurde im 2. Weltkrieg stark beschädigt, die Schnauze ist komplett abgebrochen. Unter dem Schädel ein oligozäner Walwirbel aus dem niederrheinischen Rees. Aufnahme aus den 90er Jahren im Mineralienmuseum Kupferdreh (Außenstelle des damaligen Ruhrlandmuseums, heutigen Ruhr Museums). Photo: J. Albers

Man rechnet das Tier zur Gattung Patriocetus, zu Deutsch: vaterländischer Wal. Der Name versteht sich aus österreichischer Perspektive, denn ursprünglich ist die Gattung aus Linz in Österreich bekannt, wo man 1841 und 1910 fossile Schädel fand. Zunächst der Gattung Squalodon(Haizähner) zugeordnet, stellte der Wiener Professor Othenio Abel 1913 formell die neue Gattung Patriocetus auf und richtete auch eine neue Familie Patriocetidae ein. Die stellte er in die Unterordnung der Urwale (Archaeoceti), betrachtete sie aber als missing link zwischen den anderen Urwalen und den Bartenwalen (Unterordnung Mysticeti). Diese Einordnung von Patriocetus, immer schon umstritten, ist heute überholt:

In den 60er Jahren zeigte der Mainzer Paläontologe Karlheinz Rothausen, dass Abel Brüche im Fossil für biologische Knochengrenzen gehalten hatte und dadurch zu irrigen Interpretationen gelangt war. Tatsächlich zeigt die von Abel nicht erkannte Aufschiebung der Oberkieferknochen nach hinten auf die Stirnbeine an, dass Patriocetus ein Angehöriger der Zahnwale (Unterordnung Odontoceti) ist. Er stellt einen ihrer frühen und noch sehr urtümlichen Vertreter dar.