Walkopf in der Kohlenwäsche – Der Patriocetus in Essen und seine Geschichte

von Johannes Albers | cetacea.de | Essen | 22. Juni 2014

Doch in einem anderen Punkt irrte Rothausen selbst: Er meinte, im Verlauf der Stammesgeschichte hätte die rückwärtige Ausdehnung der Stirnbeine die Scheitelbeine vom Schädeldach zu den Seiten abgedrängt. Etwa so wie kollidierte Eisschollen. In den 70er Jahren zeigten hingegen am Linzer Material die Amerikaner Frank Whitmore (verstorben 2012) und Albert Sanders, dass die Scheitelbeine sehr wohl die ganze Breite des Schädeldaches einnehmen wie bei dem noch primitiveren Zahnwal Agorophius. Sie werden jedoch in der Mitte von hinten her durch das Supraoccipitale überlagert.

Rothausen schaffte Abels Familie Patriocetidae als solche wieder ab und wertete sie in den 60er Jahren nur noch als Untergruppierung innerhalb der Squalodontidae. Andere Vorschläge zielten später auf eine Einordnung von Patriocetus in die Familie Agorophiidae oder auf eine Wiedererrichtung der Patriocetidae als eigene Familie. Eine neuere Analyse legt auch eine Nähe zu Waipatia nahe, der Typusart der Waipatiidae. So ist bis heute die Frage der Familienstellung von Patriocetus nicht endgültig geklärt. Diesem Schwebezustand der wissenschaftlichen Diskussion entspricht geradezu symbolhaft die aktuelle Ausstellungsweise des Uerdinger Schädels in der ehemaligen Kohlenwäsche: Das Stück liegt in einer Vitrine, die an einer steilen Treppe trägergestützt über einen Abgrund ragt (Zugang von der 12-Meter-Ebene aus; bei Station 13: Traditionen – Kulturlandschaft).

Am Uerdinger Patriocetus waren Einzelheiten der Knochengrenzen lange Zeit schlecht zu erkennen, weil viel Sediment auf dem Schädel klebte, wie bei dem Material in Linz. Zwei verschiedene Bearbeitungsstufen wurden in Gestalt unterschiedlicher Abgüsse dokumentiert:
Der ältere Abguss zeigt den Zustand kurz nach der Ausgrabung, noch mit Kieselstein in der Zahnhöhle. Eine Kopie dieses Abgusses wurde 1961 erstellt und in Essen bis Mitte der 90er Jahre ausgestellt, während der ursprüngliche Abguss nicht mehr vorliegt. Die Kopie sah der Geologe Fritz von der Hocht bei einem Museumsbesuch 1970 und machte daraufhin den Paläontologen Rothausen auf die Existenz des Uerdinger Wals aufmerksam.
Die zweite Bearbeitungsstufe wurde bei einer Nachpräparation wohl um 1940 in Berlin erreicht. Ein Abguss davon lag jahrzehntelang unkatalogisiert im Ostberliner Museum für Naturkunde und zeigt den aufgefundenen Zahn in den Kiefer eingesetzt – nur leider falsch herum.

Das blieb vom Uerdinger Patriocetus übrig. Hier liegt das Originalfragment des Schädels auf dem Arbeitstisch des alten Ruhrlandmuseums. Vom Sediment ist es freipräpariert. Zu sehen ist die linke Seite. Ausgestellt ist das Stück heute im neuen Ruhr Museum in Essen, in der ehemaligen Zollverein-Kohlenwäsche. Photo: J. Albers

1939 musste das Ruhrlandmuseum seine Herberge im Kruppschen Gebäude verlassen, das nun für andere Zwecke gebraucht wurde. Im Zweiten Weltkrieg lag der Walschädel als besonders wertvolles Stück in einem Stahlschrank im Keller des Essener Folkwang-Museums. Doch eine Bombe schlug ein und knackte den Schrank: Dem vaterländischen Wal brach die Schnauze ab. Deshalb wurde er zur Deutschen Bank gebracht und dem dortigen Tresor anvertraut. Doch auch der konnte dem Bombenhagel nicht standhalten: Die abgebrochene Schnauze wurde völlig zerstört; heute ist praktisch nur noch die Schädelkapsel erhalten.

Sie wurde 1979 an Professor Rothausen ausgeliehen, der sie weiter von Sediment freipräparierte. In den Sedimentresten wurden Mikrofossilien entdeckt, die vom damaligen Geologischen Landesamt (heute: Geologischer Dienst) in Krefeld untersucht wurden. Desgleichen fanden sich Weichtierreste, die der Marburger Experte Anderson untersuchte. Eine weitere Ausleihe erfolgte 1989 – 1992 und führte dazu, dass der Berliner Abguss ausfindig gemacht und identifiziert wurde. Er wurde seinerseits nach Essen ausgeliehen, wo eine Kopie erstellt wurde. Sie zeigt durch helle Färbung an, wo am Originalschädel noch Sedimentschichten gesessen hatten.

Diese Kopie einer Kopie ersetzte im Ruhrlandmuseum 1995 das ältere Ausstellungsobjekt, wanderte dann aber in eine Außenstelle (das Mineralienmuseum Kupferdreh), bis sie auch dort verschwand. Der fragmentierte Originalschädel lag derweil im Keller des Museums in einem braunen Pappkarton verstaut. 2001 – 2004 war nichts von den Uerdinger Wal mehr öffentlich ausgestellt. Nur für kurze Zeit, von Dezember 2004 bis Februar 2005, prunkten das Originalfragment und die Kopien der Abgüsse beider Bearbeitungsstufen vor dem Kriegsschaden, in der Sonderausstellung zum hundertjährigen Jubiläum des Ruhrlandmuseums. Danach wurde alles wieder weggeräumt.

2006 scheiterte ein Versuch, den Schädel zum 750-Jahre-Jubiläum Uerdingens leihweise dorthin zu bekommen. Erst seit Januar 2010 wird er, nach Umzug und Umbenennung des Museums in Essen, wieder öffentlich gezeigt. Die Abformung nach der Berliner Vorlage durfte 2012 – 2014 als Leihgabe die Ausstellung „Wale – Riesen der Meere“ im Museum für Naturkunde in Münster bereichern. Während die Ausstellung dieser Objekte zu begrüßen ist, besteht aber auch weiterhin Forschungsbedarf zum Uerdinger Wal: