Walkopf in der Kohlenwäsche – Der Patriocetus in Essen und seine Geschichte

von Johannes Albers | cetacea.de | Essen | 22. Juni 2014

Karlheinz Rothausen und Albert Sanders meinen, dass der Patriocetus von Uerdingen einer anderen (noch unbenannten) Art angehört als die Schädel aus Linz (Patriocetus ehrlichii). Er ist sogar älter als das Typusexemplar aus Linz, wie die kleinen Begleitfossilien aus dem Sediment zeigten.

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Eine dritte Art von Patriocetus, in den 60er Jahren in Kasachstan gefunden, erhielt 2000 den Namen Patriocetus kazakhstanicus. Bemerkenswert ist, dass der Uerdinger Wal im Unterschied zu den Tieren aus Linz und Kasachstan nicht aus dem Bereich der sogenannten Paratethys stammt, einem nördlichen Nebenmeer der Tethys (Ur-Mittelmeer), das sich im Oligozän von Asien nach Europa erstreckte. Doch gab es im Oligozän zeitweise eine Meeresverbindung von der Nordsee über den Rheingraben bis in die Tethysregion.

Zeitgleich mit Patriocetus im oberen Oligozän lebten bereits andere Zahnwale, die weiter entwickelt waren. Zumeist geht man davon aus, dass der urige Patriocetusnicht die Zeitgrenze vom Oligozän zum Miozän (und damit vom Paläogen zum Neogen) überschreiten konnte. Doch in Japan hat man Patriocetus-Material auch aus dortigen Schichten des unteren Miozän erkennen wollen. So sind die Forschungen und Diskussionen um diese Gattung noch lange nicht beendet. Sogar die korrekte Namensform der Linzer Art habe ich selbst zusammen mit österreichischen Forschern erst 2011 in der Wissenschaft etabliert.

FACHLITERATUR ZUM VERTIEFEN

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