Der Reiter auf dem Haizahn – Zur Erforschungsgeschichte von Squalodon

Die Zahnwalgattung Squalodon aus dem Erdzeitalter des Miozän (vor rund 24 – 5 Millionen Jahren) ist in beträchtlicher Artenzahl weit in warmen Meeresgebieten verbreitet gewesen.

Kapitelübersicht:

  1. Frankreichs falscher Saurier: Squalodon grateloupi
  2. Retter und Geretteter:Squalodon servatus
  3. Andere Squalodonten
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Sie stellt die nächsthöhere Evolutionsstufe nach Eosqualodonaus dem oberen Oligozän dar. Squalodon-Arten konnten wohl etwa 5 Meter lang werden, wobei bis zu 90 cm allein von der langen, spitzen Schnauze beansprucht wurden, die in Ober- und Unterkiefer reich bezahnt war. Vorn saßen einwurzelige Fangzähne von eher einfachem Bau, hinten kompliziert gestaltete Backenzähne mit 2 -3 Wurzeln. Der Nasengang führte bereits auf die Oberseite des Kopfes, vermutlich funktionierte noch der Geruchssinn. Der Hals war frei beweglich, und die Tiere nutzten bereits eine Echoortung.

Die meisten Arten lebten wohl in Küstennähe, einige vielleicht auch auf hoher See. Heimische Vertreter stammen aus Süddeutschland, wo Meeresverbindungen zur Tethys (heutiger Mittelmeerraum) bestanden. Während Eosqualodon noch vom Nordrand Westfalens belegt ist, wurde das norddeutsche Klima im Miozän wahrscheinlich für Squalodon bereits zu kalt.

Frankreichs falscher Saurier: Squalodon grateloupi

Südlich von Bordeaux liegt die Ortschaft Léognan. In den dortigen Steinbrüchen fand sich im 19. Jahrhundert ein rätselhaftes Fossil, das von der Wissenschaft jahrelang nicht beschrieben wurde. Es stammte aus alten Meeresablagerungen und befand sich im Besitz eines Dr. Lavallé. Im Jahre 1840 schließlich legte Dr. Grateloup aus Bordeaux eine Abhandlung über den merkwürdigen Fund vor.

Es handelte sich um ein Schädelfragment mit einem Stück des linken Oberkiefers, in dem zum Teil noch Backenzähne saßen. Die Schnauze war nach vorn lang ausgezogen und erinnerte in ihrer Gestalt sowohl an Krokodile als auch an Delphine. Nun hatte man in den gleichen Sandstein-Schichten sowohl Zahnwal- als auch Krokodilkiefer registriert. Was für ein Tier war aber dieses? Die Zähne passten weder zum Krokodil noch zum Delphin. Ihre Kronen waren in der Seitenansicht dreieckig und zugespitzt. Zugleich sahen sie aus, als seien sie seitlich flach zusammengedrückt, so dass sich vorn und hinten Schneidekanten bildeten. Diese Kanten waren wie gekerbt, so dass der Zahn außer der Hauptspitze mehrere Nebenzacken trug, an denen Grateloup wiederum eine feine Zähnelung bemerkte.

Insgesamt erinnerten die Zahnkronen an Haizähne. Deshalb nannte Grateloup das Fossil Squalodon, zu deutsch einfach „Haizahn“. Die Zahnwurzeln und der Schädelrest verrieten aber nur zu deutlich, dass das Tier auch kein Hai gewesen war. Mit der Verleihung eines Namens war also noch nicht das Problem der Einordnung gelöst.

Zusammengedrückte und in sich gezähnelte Zähne kannte man von dem Dinosaurier Iguanodon, der seit 1825 der Fachwelt bekannt war. Doch anders als bei dem Fossil von Léognan, sitzen die Zähne des Iguanodon nicht in Zahnhöhlen, sondern sie sind am Innenrand des Kiefers befestigt wie heute noch bei Leguanen. (Eben daher hat der Saurier seinen Namen, der auf deutsch „Leguanzahn“ bedeutet.) So befand Grateloup, dass Lavallés Fossil einer eigenen, noch unbekannten Gruppe riesiger Saurier angehören müsse, die in einigen Merkmalen mit Iguanodonverwandt sei, zu den „amphibischen Reptilien“ gehöre und möglicherweise zwischen Echsen und Haien vermittele.

Das Fossil und seine Beschreibung wirkten derart seltsam, dass 1841 ein deutscher Rezensent der Grateloup’schen Schrift kommentierte: „Man kann sich der Frage kaum verwehren, ob der Vf. an diesem fremden Eigenthume seine Untersuchung weit genug führen durfte, um sich zu überzeugen, dass jene Zähne den Alveolen von der Natur eingepflanzt sind?“ Mit anderen Worten, er hatte den Verdacht auf eine Fälschung. (Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefakten-Kunde, Jahrgang 1841, S. 832.)

Bereits 1840 reagierte in Frankfurt am Main der Privatgelehrte Hermann von Meyer auf Grateloups Arbeit. Belegt ist, dass er am 23. Juli 1840 einen Brief an den Heidelberger Professor Bronn schrieb, in dem er Squalodonaufgrund der Schädelform zu den Cetaceen stellte, wofür auch die erhöhte Anzahl der Zähne sprach. Zwei Tage später, so ist ferner belegt, richtete Grateloup von Bordeaux aus ein Schreiben an Bronn: „Ich schicke Ihnen durch Hrn. Professor van Beneden eine Abhandlung über ein merkwürdiges Thier, das ich unter dem Namen Squalodon beschrieben und zuerst für ein Reptil gehalten habe, nach genauerer Erwägung aber als ein Säugethier aus der Ordnung der Cetaceen ansehen möchte“ (a.a.O., S. 567 f).

Hintergrund ist, dass etwa zur selben Zeit wie Hermann von Meyer auch Pierre Joseph van Beneden Squalodon als Wal erkannte. Einige Jahre später stellt von Meyer den Sachverhalt so dar, dass er in Squalodon „ein Delphin-artiges Cetaceum erkannte, was später auch durch Vanbeneden bestätigt und von Grateloup eingesehen (1841, 567) ward“ (a.a.O., Jahrgang 1843, S. 704). Von Meyer nannte die Art Squalodon Grateloupii (heute gültige Schreibweise: Squalodon grateloupi).

Dabei zählte er zu dieser Art aber auch einen Schädel aus Österreich, der heute als Patriocetus ehrlichi bekannt ist. 1923 meinte der Amerikaner Arthur Remington Kellogg, von Meyer habe mit seiner Benennung nur den österreichischen Schädel bezeichnet. Das ist eine irrige Interpretation, die aber 2005 dazu führte, dass eine französische Forschergruppe um Bruno Cahuzac den Namen nicht anerkennen wollte, den von Meyer dem Fundstück Grateloups gegeben hatte. Die Berichtigung dieser Verirrung erarbeitet 2009 ein Team aus Felix Marx in England, Björn Berning in Österreich, und mir selbst in Deutschland.