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Mysteriöse Pottwalstrandungen

Warum stranden die riesigen Meeressäuger?
von Jan Herrmann (Dezember 1997)

Auf Norderney gestrandeter Pottwal

An den europäischen Nordseeküsten ist zum drittenmal seit 1994 Pottwal-Alarm gegeben worden. Nachdem im Winter 1994/95 insgesamt 22 Pottwale an den Küsten der Nordsee verendet sind und es im Frühjahr 1996 erst zu einer Strandung auf Norderney und kurz darauf zu einer Massenstrandung von 16 Pottwalen auf der dänischen Insel Rømø gekommen ist, sind jetzt schon wieder fünf Pottwale an der niederländischen Küste angeschwemmt worden, zwei lagen im deutschen Wattenmeer fest und 16 Tiere sind an der dänischen Insel Rømø gestrandet. Von letzteren waren am Morgen des 5.12. nur noch 9 am Strand zu sehen, der Rest ist wahrscheinlich durch die Flut wieder aufs Meer gezogen worden.

Zusätzlich gab es zwei Lebendstrandungen in Humberside, Ost-England am Mittwoch, den 2.12. und ein länger totes Tier wurde am Tag vorher bei Skegness gefunden. Am 20. und 27.11. gab es zwei Strandungen auf den Äußeren Hebriden bei Stornoway, Isle of Lewis.

Waren hohe Belastungen schuld am Tod der Tiere?

Auf einem Treffen europäischer Walforscher Ende 1995 in Koksijde, Belgien, sind die Ergebnisse der Untersuchungen zu den bis dahin gestrandeten Walen zusammengetragen worden. Der belgische Pathologe Thierry Jauniaux berichtete von hochgradigem Gewichtsverlust bei zwei und chronischen Hautgeschwüren bei allen vier an der belgischen Küste gestrandeten Tieren. Die Belastung der Tiere mit organischen Chlorverbindungen (PCB, DDE) war laut Claude Joiris von der Universität Brüssel hoch, übertraf aber nicht die aus der Literatur bekannten Werte für Pottwale. Der Toxikologe gab zu bedenken, daß weitaus geringere Mengen dieser Organochlor-Verbindungen an anderer Stelle schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit von Walen oder Robben gezeigt hätten.

Prof. Bouquegneau von der Universität Lüttich hat die Belastung der Tiere mit Schwermetallen untersucht und ist auf hohe Cadmiumwerte gestoßen. Der Toxikologe vermutete einen Zusammenhang zwischen Cadmium und dem geschwächten Zustand der Tiere.

Die Nordsee als Pottwalfalle?

"Die Nordsee ist eine große und effektive Pottwalfalle" faßte der niederländische Biologe Chris Smeenk eine andere Erklärung zusammen. Männliche Pottwale wandern jedes Jahr in polare Gewässer, während die Weibchen mit ihrem Nachwuchs in Äquatornähe bleiben. Dabei sind sie hervorragend an Regionen mit großer Meerestiefe angepaßt und finden dort ihre Nahrung, die vor allem aus Cephalopoden (z.B. Tintenfische) besteht.

"Ein gutes Beispiel für einen absolut ungeeigneten Platz für Pottwale", so Wim de Smet aus Belgien, "ist die Nordsee". Die durchschnittliche Wassertiefe liegt bei 50m, der Schiffsverkehr sorgt für eine enorme Geräuschkulisse und keines der potentiellen Beutetiere der Pottwale hält sich in der Nordsee auf. Zusätzlich irritiert die sehr flach auslaufende Küste die sich mit Sonar orientierenden ca. 14m langen Zahnwale. Die Tiere hungern, sind desorientiert und landen schließlich in den flachen Gewässern, aus denen sie sich nicht mehr retten können. Schon bevor PCB und DDT erfunden waren, strandeten Pottwale an den Küsten der Nordsee. Massenstrandungen sind z.B. aus den Jahren 1577 und 1761/62 belegt.

Wie kommen die Pottwale in die Nordsee?

Warum Pottwalgruppen, die aus der Norwegischen See kommen, am Nordseeeingang die falsche Abzweigung nehmen, bleibt weiter ungeklärt. Hierfür werden verschiedene Theorien diskutiert für die aber alle die besondere Geographie der Nordsee eine wichtige Rolle spielt:

Karte Nordatlantik

Karte von National Geophysical Data Center


Links zum Thema:

Höfer, D. (2005):
Sonnenaktivität lässt Pottwale stranden.
Cetacea.de, 6.4.2005

Are solar activity and sperm whale Physeter macrocephalus strandings around the North Sea related?
Vanselow, K.H. et al. in J. Sea Res. 53(4): P.319-27

Lunar cycles and sperm whales (Physeter macrocephalus) strandings on the North Atlantic coastlines of the British Isles and Eastern Canada
Wright, A.J. in Mar. Mamm. Sci. 21(1): P.145-49