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Wale, Delfine und Menschen

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Quelle dieses Textes: http://www.cetacea.de/artikel/review/2005/rathjen.htm

Herman Melville / Deutsch von Friedhelm Rathjen (2004):

Moby-Dick; oder: Der Wal.
Eine leviathanische Neuübersetzung

Buchbesprechung von Klaus Barthelmess, Köln

Moby-Dick in Deutschland - viel wurde bereits darüber geschrieben. Das Werk, für viele Literaturkenner der bedeutendste Roman Amerikas, eignet eine Faszination wie der Wal selber, Verkörperung des psychologischen Archtypus' des „Großen Fisches“. Eine der frühesten Rezeptionen des 1851 in London und New York ersterschienenen Romans findet sich 1860 in einer anonymen Miszelle der Gartenlaube , wo auf S. 655-656 Melvilles systematische Einteilung der Wale in Folio-, Oktav- und Duodez-Wale ohne Nennung des Werkes - nur des Autors, „sehr gelehrt in Sachen der Walfische“ - anzitiert wird. Doch bis zur breiten Rezeption von Moby-Dick dauerte es Jahrzehnte, sowohl im englisch- als auch im deutschsprachigen Raum.

Die erste auszugsweise deutsche Übersetzung ließ ein Dreivierteljahrhundert auf sich waren und erschien 1927, die erste vollständige weitere 15 Jahre später in der Schweiz. Sechs vollständige deutsche Übersetzungen wurden seither vorgelegt, dazu Dutzende Bearbeitungen, die den Text im Interesse einer breiteren Leserschaft kürzten. Warum kürzten? Weil auch das amerikanische Original für eine breite Leserschaft nahezu unlesbar ist. Ein zeitgenössischer Rezensent schrieb von dem „mad, though not necessarily bad English“ des Romans. Die Vielschichtigkeit des Faszinosums Wal, die ethisch-moralische Ambivalenz der menschlichen Jagd darauf und der unglaublich vielfältige Niederschlag von Walen, Walfang und Walprodukten in den Kulturen der Welt ließen Melville die stilistischen Sprachregister in flinker Folge wechseln. Passagenweise schrieb er im altertümlichen Jargon der neuenglischen Quäker oder im predigthaften Ton englischer Bibelübersetzungen; er wechselte von der Seemannssprache zur nüchternen Prosa von Expeditionsberichten; schilderte exotische Kulturen im Stil rassistischer Erbauungs- und Abenteuerliteratur, um sogleich in den sozial engagierten Ton aufklärerischer und missionskritischer Flugschriften zu verfallen, die just den kulturellen Hegemonialanspruch der Weißen geißelten; Antiquar, der „Ozeane von Büchern“ bereiste, sind ihm die Sprachstile philosophischen und religiösen Diskurses mehrerer Jahrhunderte geläufig; den Wal beschrieb er mal in der magisch beschwörenden Rede der Mythen, mal in der um Präzision bemühten Sprache der frühen Naturkundler. Dazu besteht der eine Roman Moby-Dick doch eigentlich wenigstens aus dreien: (1) Die Reise- und Abenteuergeschichte vom Walfang, (2) die Parabel von vermessener Auflehnung gegen kosmologische Ordnung und von ihrem konsequenten Scheitern, und (3) einer weitgefassten Kulturgeschichte des Faszinosums Wal, trefflich miteinander verschlungen wie ein dreischlägiges Tau. Die wechselnden Sprachstile in Moby-Dick spiegeln diese Komplexitäten wider.

Alle deutschen Übersetzungen glätteten diesen Text, machten ihn gut lesbar. Das Original ist aber nicht gut lesbar, weder für heutige native speakers noch für zeitgenössische der letzen sechs Lesergenerationen. Es ist holperig, widerspenstig, strotzt vor klassischen Bildungsverweisen (enthält aber auch ein paar diesbezügliche Fehler), ist zudem eigenwillig interpunktiert. Rathjen, „einer der strengsten Diener fremder Sprachen in Deutschland“, so die Frankfurter Rundschau, hielt sich sklavisch ans Original. Er machte aus Melvilles „mad, though not necessarily bad English“ ein irres, wenngleich nicht unbedingt wirres Deutsch.

Zwei- oder dreimal las ich Moby-Dick im Original von Deckel zu Deckel, Dutzende Male als Nachschlagewerk in Auszügen. Gelegentlich, wo mir Melvilles beziehungs- und anspielungsreicher Stil zu hoch war, zog ich ein paar der deutschen Übersetzungen zu Rate, immer mit enttäuschendem Resultat. Als ich 2001 - anläßlich des 150-jährigen Erscheinens des Romans - am ersten europäischen Moby-Dick-Lesemarathon im Kölner Literaturhaus teilnahm, las ich nicht aus der da gerade von Hanser herausgebrachten, überwiegend gelobten Neuübersetzung von Matthias Jendis, sondern aus Schreibheft,Zeitschrift für Literatur, Nr. 57, das einen großen Auszug von Rathjens Übersetzung vorab publizierte (inzwischen vergriffen). Jetzt, wo der Rathjen'sche Wal komplett vorliegt, sage ich, der auch ich ein wenig auf Walfang fuhr, Wale zerlegte, ihre Produkte verarbeitete und - etliches von der auch Melville bekannten Wal-Literatur studierend - ihrem papierenen Kielwasser durch den Ozean der Kulturgeschichte folge, dass ich den Moby-Dick noch nie mit so viel Gewinn gelesen habe wie jetzt!

Wiewohl ich der fulminanten Übersetzung, ihrem brillanten Schöpfer und dem wagemutigen Verlag größten Erfolg wünsche, spreche ich im Interesse des Romans eine Käuferwarnung aus. Das hat nichts mit den paar winzigen „Fehlerchen“ zu tun, die selbst Rathjen unterlaufen sind und bestenfalls einer Handvoll Walfangspezialisten im deutschsprachigen Raum auffallen könnten. Wer nur den Moby-Dick „endlich mal lesen“ möchte, sei auf eine der geglätteten Übersetzungen verwiesen. Denn den Rathjen - holperig, widerspenstig, vor klassischen Bildungsverweisen strotzend (aber auch Melvilles diesbezügliche Fehler enthaltend), und zudem genauso eigenwillig interpunktiert wie das Original - muss man wirklich durchackern. Wer da keine literarischen Interessen hat, wird rasch gefrustet. Für alle Fluke-Leser sollte er jedoch als Nachschlagewerk unentbehrlich sein, um „mal eben“ nachzulesen, was in dem literarisch bedeutendsten Kompendium der Kulturgeschichte der Beziehungen zwischen Mensch und Wal zu dem einen oder anderen Aspekt geschrieben steht, und zwar so, wie es der Autor vor anderthalb Jahrhunderten in Druck gab, nur eben in Deutsch. Erhellend sind zudem knapp 140 Seiten Anhänge dieser Ausgabe, etwa zu Melvilles Quellen und vor allem des Übersetzers 12-seitige Ausführungen zu seiner Übersetzung.

Wie schon oft, hat Zweitausendeins ein handig schönes, gefälliges Buch vorgelegt und damit Rathjens Meisterleistung eine angemessene Form verliehen. Und das zu einem kundenfreundlichen Preis. Eine geradezu wunderschöne, eigens entworfene Drucktype auf sehr angenehmem Papier, Leinen mit Deckelprägung in Silber, Kopfsilberschnitt, Lesebändchen (immer freudig gesehen), Schuber (zumindest für die auf 3400 Exemplare limitierte und numerierte Erstausgabe).

Ein Trüffelchen sind die holzschnittartigen Illustrationen Rockwell Kents. Sie gelten vielen als die trefflichsten Illustrationen dieses großen Romans. Kent schuf sie Ende der 1920er Jahre für die Lakeside Press Edition Moby-Dicks. Dreibändig im Aluminium-Schuber - und daher von Bibliophilen „whale in a can“ genannt - war diese Großquartausgabe auf 1000 Exemplare limitiert und kostet heute ein paar Tausend Euro. Wohlfeil ist hingegen der einbändige Nachdruck des gleichen Jahres im Oktavformat. Von dieser verkleinerten Ausgabe - oder gar einem noch späteren Nachdruck - hat Zweitausendeins 269 Kent'sche Illustrationen ausgewählt und reproduziert. Einige zeichnerische Feinheiten sind dabei reprotechnisch bedingt in Druckerschwärze versunken. Das ist schade, doch meist blieb die holzschnittartige Wucht der Graphiken erhalten. Und es ändert aber nichts daran, dass dieses Buch die beste deutsche Moby-Dick-Übersetzung aller Zeiten ist.


Diese Buchbesprechung erschien in der Ausgabe 10 (1, April 2005) der Zeitschrift Fluke .



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Melville Cover

Herman Melville:
Moby-Dick; oder: Der Wal
. Deutsch von Friedhelm Rathjen.
Herausgegeben und mit einem Anhang versehen von Norbert Wehr, mit 269 Illustrationen nach Rockwell Kent. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 2004. 992 S., Ln., Kopfsilberschnitt, Schuber. 42,80 €.

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bei Zweitausendeins:
Einmalige, limitierte und numerierte Ausgabe. 992 Seiten. Fadenheftung. Leinen mit geprägtem Schuber. 42,80 EUR. Nummer 18520 (die hier besprochene Erstausgabe).
Noch günstiger ist die nicht ganz so reich ausgestattete Erfolgsausgabe. 959 Seiten. Fadenheftung. 29,90 EUR. Nummer 18533.

Kent

Illustration von Rockwell Kent


Kent 2

Illustration von Rockwell Kent

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