ECS-Konferenz: Die unbekannten Delphine des Nordatlantiks

von | cetacea.de | Stralsund | 22. März 2010

Sie leben vor unserer Haustür, sind aber noch weitgehend unbekannt: Der küstennah vorkommende Weißschnauzendelphin und der auf dem offenen Meer zu findende Weißseitendelphin. Ein ECS Workshop hat mit über zwanzig Beiträgen den aktuellen Forschungsstand zusammengetragen und Aussicht auf zukünftige Bemühungen gegeben.

Ozeaneum in Stralsund - Gastgeber für die ECS Workshops

Zur Einleitung hat Carl Kinze (Wal und Mensch Gast 2004) die Erforschungsgeschichte dargestellt. Er hat darüber berichtet wie in der Zeit vor 1846 Weißschnauzendelphine für Große Tümmler oder Gemeine Delphine gehalten wurden. 1846 wurde der Weißschnauzendelphin dann gleich zwei mal fast zeitgleich beschrieben. Mit kleinem Vorsprung durch Edward Gray an einem Tier, dass vor Great Yarmouth (UK) gefangen wurde und kurz hinterher von Daniel F. Eschricht als Delphinus ibsenii von der Westküste Dänemarks. Carl Kinze hat dargelegt, wie sich Falschmeldungen, etwa die eines knapp unter drei Meter langen “Schweinswals”, der in Wirklichkeit ein Weißschnauzendelphin war, in der Populärpresse halten, indem wieder und wieder voneinander abgeschrieben wird.


Something rotten... - Carl Kinze beim Vortrag

Carl Kinze hat bekräftigt, dass es wichtig ist Strandungen aufzunehmen. Daten wie Art, Geschlecht und Länge des Tieres sollten mindestens erhoben werden. Auch Tiere im Zustand fortgeschrittener Verwesung taugen oft noch zur eingeschränkten Untersuchung.

Anders Galatius hat das Skelett der beiden Arten verglichen und vorgestellt, Peter Evans hat Untersuchungen zur Verbreitung präsentiert. Tom Brereton (Marinelife/Biscay Dolphin Research Programme) hat Ergebnisse von Sichtungen und Zählungen aus der Lyme Bay und vor der schottischen Küste vorgestellt. Die Weißschnauzendelphine, die dort auch Ziel von Whale Watching Touren sind, treten eher zusammen mit Schweinswalen auf und werden anders herum nicht gesichtet, wenn Große Tümmler oder Gemeine Delphine vorkommen.

Eulalia Banguera präsentierte phylogenetische Untersuchungen. Danach kann man annehmen, das Weißseiten- und Weißschnauzendelphin unzutreffend in der Gattung Lagenorhynchus geführt werden. Auch eine zeitweise vermutete Nähe zu Tursiops oder Stenella besteht nicht, so dass die beiden eigenständig geführt werden müssten. Wahrscheinlich ist der gemeinsame Vorfahr dieser Arten vor etwa 10 Millionen Jahren zu suchen. Um diese Vermutung zu erhärten, werden aber noch mehr Proben und weitere Untersuchungen benötigt. Weiterhin scheint es in der Entwicklung der Weißschnauzendelphine einen genetischen Flaschenhals gegeben zu haben. Auch wurde festgestellt, dass sich die norwegische Population von Weißschnauzendelphinen von derjenigen der Nordsee und Irlands unterscheidet.

Die Weißseitendelphine der irischen Westküste wiederum sind den Tieren der US-Küste genetisch sehr ähnlich.

Rikke Hansen hat Zählungen vor der Grönlandischen Westküste vorgestellt. Marianne Rasmussen und Chiara Bertulli haben gezeigt, dass Photo-ID Untersuchungen von Whale Watching Booten in Island erfolgreich sein können.

Klimawandel vertreibt Weißschnauzendelphine

Colin MacLeod hat Auswirkungen des Klimawandels auf Weißschnauzendelphine präsentiert. Wenn sich die thermoneutrale Zone weiter nach Norden verschiebt, haben die nur über dem Schelf vorkommenden Weißschnauzendelphine der Nordsee keine Rückzugsmöglichkeit. Dort wo sich der Weißschnauzendelphin nach Norden verschiebt, kommen die Gemeinen Delphine nach. Ende des Jahrhunderts wird es nach Entwicklungsschätzungen nur noch in der mittleren nördlichen Nordsee einen kleinen Rest Weißschnauzendelphine geben. Es wird also immer wichtiger, die Bedrohungen aktiv zu minimieren, die die Weißschnauzendelphine neben dem Klimawandel bedrohen (Lärm, Überfischung, Beifang).

In weiteren Beiträgen wurden die Daten zur Geschlechtsreife, Lebensalter, Wachstum, sowie zu Befunden aus den Strandungsuntersuchungen zusammen getragen. In diesem Zusammenhang sei noch einmal auf die Strandungsveröffentlichungen bzw. Probendatenbanken der Nachbarländer hingewiesen (B: mumm.ac.be; DK: hvaler.dk; NL: walvisstrandingen.nl)

Untersuchungen des Mageninhalts ergaben an verschiedenen Orten, dass Dorsche (Gadidae) und unter diesen der Wittling (Merlangius merlangus) und der Kabeljau (Gadus morhua) eine wichtige Ernährungsgrundlage darstellen. Die These, dass Jungtiere nach der Entwöhnung eine Übergangsnahrung, z.B. Grundeln zu sich nehmen muss durch weitere Daten erhärtet werden.

Die letzte Session des langen Workshop-Tages gestalteten nochmals Marianne Rasmussen und Chiara Bertulli. Marianne Rasmussen berichtete über die Untersuchungen zur Lauterzeugung und -Rezeption der Weißschnauzendelphine vor Island. Chiara Bertulli präsentierte Daten zum Fressverhalten von Weißschnauzendelphinen.

Die vielen offenen Fragen und die Dringlichkeit, diese beiden Arten bevorzugt zu erforschen haben die Workshop-Teilnehmer dazu bewogen eine “Working Group” zu gründen. Über die Formen z.B. zum Bekanntmachen von Strandungen und Vorhandensein von Probenmaterial über eine zentrale Datenbank oder über eine Art Informationsliste wurde nicht abschließend beschieden. ASCOBANS soll gebeten werden, eine zentrale Rolle bei der Koordination der zukünftigen Forschung zu spielen.

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Links

European Cetacean Society
24th Conference of the European Cetacean Society
Meeresmuseum

Hinweis: Dies ist eine stark verkürzte Darstellung der Worshopergebnisse. Für Details schreiben Sie bitte eine Frage in die Kommentare oder schreiben ein Email.