Jahrestagung 2021 über Wirbeltier-Paläontologie: Wale-relevante Beiträge

von Johannes Albers | Cetacea.de | Essen | 30. November 2021

Die Gesellschaft für Wirbeltier-Paläontologie (Society of Vertebrate Paleontology, SVP) hielt am 1. bis 5. November 2021 ihre 81. Jahrestagung ab. Wie im Vorjahr, fand sie coronabedingt nur virtuell statt, also online. Aber wie immer, gab es zahlreiche Beiträge von Forschern aus unterschiedlichsten Ländern, die „Werkstattberichte“ über ihre Arbeit in Form von Vorträgen oder Postern vorlegten.

Referiert und kommentiert von Johannes Albers, Essen

Die Zusammenfassungen bzw. Postertexte wurden im „Virtual Meeting Conference Program“ nach Autorennamen alphabetisch geordnet und online verfügbar gemacht:

Nach diesem Dokument referiere und kommentiere ich hier alle elf Wale-relevanten Beiträge in der Reihenfolge, wie sie in dem PDF aufgeführt sind. Manches davon ist auch in Hinblick auf heute lebende Waltiere interessant und von Belang.

TACKLING THE MYSTICETE MYSTERY:
COMBINING DISPARATE MATRICES TO EXAMINE THE EVOLUTION OF FEEDING MODES IN EARLY BALEEN WHALES

Nickolas A. Brand und Mark D. Uhen (S. 65, Poster)

In letzter Zeit wurde eine ganze Fülle neuer Arten von frühen Bartenwalen (Mysticeti) beschrieben. Für die vergleichende Arbeit benutzte man dabei aber unterschiedliche Matrizen, die jeweils verschiedene Zusammenstellungen von Arten und unterschiedliche Codierungen für viele anatomische Merkmale enthielten. So wurde es schwierig, die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den einzelnen frühen Bartenwalen klar herauszuarbeiten. 

An der George-Mason-Universität in Fairfax (Virginia, USA) wurden nun zwei bedeutende Matrizen miteinander kombiniert und harmonisiert, so gut es möglich war. Die erste enthielt 106 Taxa und 275 Merkmale, die zweite nur 87 Taxa, aber 363 Merkmale.

Mit dem kombinierten Datensatz wurden computergestützt phylogenetische Analysen vorgenommen. Ein besonderes Augenmerk richtete man dabei auf die Verwandtschaftsbeziehungen des Zwergglattwals (Caperea): Während die klassische Systematik ihn nahe den Glattwalen (Balaenidae) ansiedelte, sahen einige jüngere Studien ihn als Teil der sonst ausgestorbenen Familie Cetotheriidae an.

Die neue Untersuchung aus Fairfax gelangt eher zu dem klassischen Bild: Caperea und die fossile Gattung Miocapereaerscheinen dort als Schwestergruppe der Balaenidae. Dieser gesamte Zweig steht einem anderen gegenüber, der sich aus den fossilen Cetotheriidae und den Furchenwalartigen (Balaenopteroidea) zusammensetzt.

Ein anderes interessantes Ergebnis ist, dass die fossile Gattung Aetiocetus (Familie Aetiocetidae) als paraphyletisch erscheint. Dorthin gehören demnach auch Fossilien, die unter anderem Namen geführt werden.

FUNCTIONAL AND ONTOGENETIC IMPLICATIONS OF STERNAL STRUCTURE IN MYSTICETE CETACEANS

Emily A. Buchholtz (S. 71, Vortrag)

Finnwalskelett mit Brustbein im Ozeaneum, Stralsund

Die Autorin ist eine ausgewiesene Expertin für Walskelette und hat etliche Arbeiten z.B. über die Wirbelsäule vorgelegt. Hier befasst sie sich mit dem Brustbein (Sternum) von Bartenwalen (Mysticeti). Gegenüber deutschsprachigen Sporttauchern lohnt sich ein Hinweis darauf, dass auch diese Tiere überhaupt ein Brustbein haben. Denn der Tauchmediziner O. F. Ehm schrieb einst über Meeressäuger: „Der Brustkorb ist, da kein Brustbein vorhanden, stark zusammendrückbar“ (O. F. Ehm: Tauchen – noch sicherer! 4. Aufl., Albert Müller Verlag, Rüschlikon 1987, S. 86). Tatsächlich artikuliert das Brustbein der Bartenwale nur mit der ersten Rippe.

Im vorderen Bereich des Sternums (vor der Rippe) gibt es Befestigungsstellen für verschiedene Muskeln. Die stehen in Beziehung zur Zunge (Sternohyoid- und Sternothyroid- Muskel), zum Schädel (Sternomastoid-Muskel) und zum Unterkiefer (Musculus sternomandibularis). Sie üben vor allem Funktionen beim Fressen aus. Untersucht wird nun die Hypothese, dass die verschiedenen Formen von Bartenwal-Sterna unterschiedliche Methoden der Nahrungsaufnahme widerspiegeln. Dazu wurde ein Datensatz über mehr als 100 einzelne Bartenwal-Brustbeine angelegt.

Glattwale zeigen ein schildförmiges Brustbein mit einer gut definierten seitlichen Facette für die Artikulation der ersten Rippe. Dabei gibt es wenig Form-Variation zwischen den Arten, und auch wenig zwischen verschiedenen Körpergrößen individueller Wale.

Furchenwale haben im Prinzip ein kleeblattförmiges Brustbein mit einer Zwei-Punkt-Artikulation der Rippe hinter den Seitenflügeln des Sternums. Hier findet man aber deutliche Variationen zwischen verschiedenen Arten und zwischen unterschiedlichen Körpergrößen: Kleine Tiere und Arten mit stark variablen Fresstechniken tendieren zu Sterna, deren vorderer Teil von den Ausgangsstellen der Infrahyoid-Muskeln dominiert ist. 

Stärker ausgeprägte Seitenflügel der Sterna trifft man bei größeren Tieren und bei Arten an, die sich stark auf das Schnappfressen spezialisiert haben, bei dem ein Wal mit einem schnellen Vorstoß einen großen Happen „Suppe“ aufnimmt.

Diese Unterschiede sucht die Autorin zu erklären, indem sie bei Schnappfressern auf ein vergrößertes seitliches Areal am Sternum für den Ursprung des Sternomandibularis-Muskels hinweist, und bei Jungtieren auf den Übergang vom Säugen zum Schnappfressen im Verlauf des Wachstums. Insgesamt sieht sie eine Beziehung zwischen der Form des Brustbeins und der Fressmethode des Wals. Demnach kann auch ein fossiles Sternum auf die Fressmethode des Tieres schließen lassen.

RISING FROM THE ASHES: LINKING ANDEAN VOLCANISM, DIATOMS, AND MARINE MAMMAL DIVERSITY WITH THE LATE MIOCENE COOLING EVENT

Mark Clementz und Barbara Carrapa (S. 88, Vortrag)

Die Arbeit befasst sich mit der globalen Abkühlung im späten Miozän vor 7,6 bis 5,4 Millionen Jahren. Dieses Ereignis führte zu der Herausbildung der modernen Walfauna, mit einem Aufblühen der Furchenwale und Delfine, und einem Niedergang der Cetotheriidae und Platanistoidea („Flussdelfinartige“).

Klar ist, dass der Atmosphäre damals viel Kohlendioxid entzogen wurde. Als wesentliche Ursache dafür nimmt man gemeinhin chemische Gesteinsverwitterung an, wobei man vor allem auf den Himalaya und Tibet verweist. Aber hier tragen die Autoren nun eine alternative Hypothese vor, die sich auf den Vulkanismus der Anden konzentriert. Der erlebte eine deutliche Verstärkung in der Zeit vor 9 bis 5 Millionen Jahren, mit einem Maximum vor 7 Millionen Jahren. So sagen es ausgiebige Magma-Datierungen.

Die Auswirkungen von Vulkanismus auf das Weltklima sind strittig. Einerseits spricht man oft von einer Erwärmung, weil viel Kohlendioxid freigesetzt wird. Andererseits kann es aber auch zu einer Abkühlung kommen: Im Fall der spätmiozänen Anden sehen die Autoren eine Düngung des Ozeans mit Silikondioxid und Eisen aus den Vulkanen. Dadurch sei die Produktion von Kieselalgen im Meer angekurbelt worden, so dass eine große Menge Kohlenstoff gebunden wurde und die Temperatur sank. Kieselalgen stellen Nahrung für tierisches Plankton dar, das wiederum größere Tiere wie Bartenwale ernährt.

Den Autoren zufolge spielten also die Anden-Vulkane eine wichtige Rolle für die Herausbildung der modernen Walfauna unserer Meere. Ihre Hypothese stützt sich u.a. auf die chemische Analyse von Meeressedimenten aus Tiefsee-Bohrkernen, Isotopen-Untersuchungen (dafür ist Mark Clementz ein führender Experte) und Daten über das Vorkommen von Kieselalgen. 

REEXAMINATION OF AN EOCENE CETACEAN EOCETUS SCHWEINFURTHI (CETACEA, PROTOCETIDAE): NEW DATA ON MORPHOLOGY, PHYLOGENY AND FEEDING STRATEGY

Svitozar Davydenko (S. 95-96, Vortrag)

Der Schädel von Eocetus schweinfurthi im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart. Er liegt auf dem Rücken. Vor dem 2.Weltkrieg war noch mehr von ihm erhalten. Foto: Johannes Albers.

Der Vortrag des ukrainischen Doktoranden dreht sich um den Holotyp des Urwals Eocetus schweinfurthi, einen Schädel aus Ägypten, der im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart aufbewahrt wird. Er ist 40 Millionen Jahre alt. Damit u.a. befasst sich bei Cetacea.de auch mein Aufsatz „Deutschland holt alte Ägypter: ProtocetusEocetus und Co.“.

Über ein Jahrhundert lang wurde Eocetus schweinfurthi als ein Wal aus der Familie Protocetidae geführt, von der wir heute wissen, dass ihre Mitglieder noch bis zu einem gewissen Grad amphibisch lebten. 2015 dann stellten Gingerich und Zouhri Eocetus in die Familie Basilosauridae, die bereits rein wasserlebend war. Nun untersuchte Svitozar Davydenko erneut den Stuttgarter Schädel und kehrt zu der Einstufung in die Protocetidae zurück. Seine Argumente:

  1. Am Schädel liegt das Parietalforamen zwischen Scheitel- und Schuppenbein, was ein Kennzeichen für Protocetidae ist, während bei Basilosauridae diese Öffnung ganz vom Scheitelbein umschlossen ist.
  2. Im Oberkiefer enthält der erste prämolare Zahn zwei getrennte Wurzeln. Das ist bei allen Protocetidae so, während Basilosauridae hier nur eine oder aber zwei verschmolzene Wurzeln haben.
  3. Das Dach der Mundhöhle ist im Bereich der Zwischenkieferknochen (Prämaxillae) konkav, und nahe der Mittelnaht zeigen diese Knochen ein Furche, die nach hinten bis zum ersten Prämolaren reicht. Auch das ist ein Protocetidae-Merkmal und kommt unter den Basilosauridae nur bei Basilotritus wardii vor, der ursprünglich ebenfalls als eine Eocetus-Art angesehen worden war.

Die Ausformung der Zwischenkieferknochen könnte an sich auf eine saugende Nahrungsaufnahme hindeuten. Aber das Fehlen von Gaumenforamina zeigt für einen Sauger eine zu schwache Entwicklung des Zahnfleisches an. Auch die Abnutzung der Zähne weist auf ihren aktiven Gebrauch beim Fressen hin.

Untersucht wurden auch Wirbel, die früher Eocetus zugeschrieben worden waren, später aber in die Basilosauridae gestellt wurden. In diesen Fällen wird die Zuordnung zu den Basilosauridae bestätigt, auch wenn die Wirbel aus der selben Gesteinsformation stammen wie der Eocetus-Schädel. Eocetus war ein fortgeschrittener Protocetide, zu dessen Lebzeiten es bereits Basilosauridae gab.

NEW CORRELATIONS BETWEEN CRANIOFACIAL AND INNER EAR MORPHOLOGIES FOR ECHOLOCATION AND FEEDING IN ODONTOCETES

Abigail M. Glass und Mark D. Uhen (S. 122-123, Vortrag)

Diese Studie aus der George-Mason-Universität Fairfax (Virginia, USA) setzt knöcherne Merkmale von Zahnwalen miteinander in Beziehung. Die Zahnwal-typische hochfrequente Echoortung ist mit bestimmten Merkmalen des Innenohres verknüpft: Im Schneckengang zieht sich die sekundäre Leiste zur Aufhängung der Basilarmembran weit den Gang entlang, die Anzahl der Windungen im Schneckengang ist gering, und die einzelnen Windungen haben einen großen Abstand zueinander.

Auch der Gesichtsschädel zeigt Hinweise auf die Echoortung, nämlich in der weit nach hinten reichenden Aufschiebung der Oberkieferknochen auf das Stirnbein, und in der bei Zahnwalen verbreiteten Asymmetrie des Schädels.

Die Echoortung spielt eine wichtige Rolle beim Nahrungserwerb, und für verschiedene Fresstechniken der Zahnwale gibt es wiederum morphologische Korrelationen, was etwa die Schnauzenlänge betrifft.

Eine Untersuchung an 48 lebenden und fossilen Arten von Zahnwalen findet nun nicht nur Kombinationen zwischen den verschiedenen Innenohr-Hinweisen auf Echoortung, sondern auch Verknüpfungen zwischen Innenohr- und Gesichtsschädel-Merkmalen für Echoortung, und insbesondere auch Verknüpfungen zwischen Ohrmerkmalen für Echoortung und Schädelmerkmalen für das Fressen.

So zeigt sich eine auffallende Korrelation zwischen einer langen sekundären Leiste im Schneckengang und einer Kurzschnauzigkeit des Schädels. Derartige Befunde sind das Spannende an der Untersuchung. Sie können helfen, die Evolution und das heutige Verhalten der Zahnwale besser zu verstehen.

MULTIPLE SHARK BITE-SHAKE TRACES ON A MIOCENE BALEEN WHALE RADIUS EVIDENCE SCAVENGING

Stephen J. Godfrey und Annie Lowry (S. 123, Poster)

Der Beitrag aus dem Calvert Marine Museum in Maryland (USA) behandelt einen fossilen Walknochen mit Spuren von Haizähnen. Es handelt sich um einen isolierten Speichenknochen (Radius) aus der Armflosse eines Bartenwals. Er stammt aus den berühmten Calvert Cliffs, einem bedeutenden Fundgebiet für fossile Meeressäuger und eine Vielzahl anderer Tiere an der Ostseite der USA.

Vergleiche des Knochens mit anderen Fundstücken ergeben die größte Ähnlichkeit mit einem anderen isolierten Radius, der vorsichtig der Bartenwalart Diorocetus hiatus zugeschrieben wurde. Also ist anzunehmen, dass auch der hier besprochene Knochen von dieser Art stammt. Er zeigt Spuren von mindestens drei Bissen durch jeweils dieselben Zähne.

Dabei erhebt sich die Frage, ob der Hai den lebenden Wal angegriffen hat, oder ob er vom Kadaver des Wals gefressen hat. Tiefe Bisse in Knochen, die nahe an lebenswichtigen Organen liegen, deuten auf einen Angriff auf ein lebendes Tier hin. Leichte Kratzspuren auf einem Extremitätenknochen wie im vorliegenden Fall weisen hingegen eher auf Aasfressen hin.

Was für ein Hai sich an dem Wal gütlich getan hat, konnte hingegen nicht geklärt werden. Für die leichten Spuren kommt eine ganze Reihe von Arten aus unterschiedlichen Haigattungen in Frage: verschiedene Drescherhaie, diverse Grauhaie, ein Hammerhai, ein fossiler Tigerhai, ein junger Megalodon-Hai, Physogaleus contortus, oder ein Vorfahr des heutigen Weißen Hais, nämlich Carcharodon hastalis (auch unter den Gattungsnamen Isurus, Macrorhizodus und Cosmopolitodusbekannt).

Die reiche Auswahl möglicher Haie spiegelt immerhin die Vielfalt auch der fossilen Haizähne in den Calvert Cliffs wider.

FROZEN IN TIME: UNIQUELY PRESERVED PROTOCETID WHALE ENTOMBED INSIDE DECORATIVE LIMESTONE FROM THE MIDDLE EOCENE OF EGYPT

Abdullah S. Gohar, Mohamed S. Antar, Sanaa El-Sayed und Hesham M. Sallam (S 123-124, Poster)

Der rote Stern markiert das hier angesprochene Fundgebiet. Die Cetacea.de Karte basiert auf einer Vorlage von Jeff Dahl, CC-BY-SA-3.0

Aus der Arabischen Wüste Ägyptens, zwischen Nil und Rotem Meer, wurde im November 2011 der Schädel des protocetiden Urwals Aegyptocetus tarfa beschrieben. Entdeckt wurde er erst, nachdem er in Scheiben geschnitten worden war. Denn er steckte in einem Gesteinsblock, der nach Italien exportiert und dort in Platten zersägt wurde, z.B. für die Herstellung von Ladentheken.

Nun, 10 Jahre später, wird vom gleichen Herkunftsort ein sehr ähnlicher Fall berichtet, nur dass der Steinblock dieses Mal in Kairo zersägt wurde. Dabei entstanden fünf Platten von je 4,5 Zentimetern Dicke. Zwischen den einzelnen Platten gingen durch den Sägevorgang jeweils 3,3 Millimeter verloren. Ansonsten wurde das Fossil mit geradezu chirurgischer Präzision zufällig perfekt zerlegt. Am Schädel lassen sich neben äußeren auch innere Merkmale leicht beobachten und studieren.

In diesem Fall fand man aber noch weit mehr als den Schädel, nämlich auch viele Wirbel, mehrere Rippen und Armknochen. Wiederum handelt es sich um einen Urwal der Familie Protocetidae, etwa 42 Millionen Jahre alt. Es ist einer der größten Protocetiden, die je bekannt wurden: Allein der Schädel ist über 92 Zentimeter lang und ähnelt damit in der Größe dem Schädel des Eocetus schweinfurthi vom Mokattam bei Kairo.

Einige für Protocetidae bemerkenswerte Eigenheiten des neuen Wals sind seine großen und starken Backenzähne, sowie die Verbindung der Unterkieferäste, welche vorn in einer kurzen Symphyse miteinander verschmolzen sind, die bereits dicht hinter den Eckzähnen endet. Zudem findet sich in den Unterkieferästen jeweils ein großer Mandibularkanal, wobei die äußere Seitenwand des Unterkiefers auffallend verdünnt ist. Letztere Punkte gemahnen bereits an moderne Zahnwal-Verhältnisse.

Der neue Urwal war zu seiner Zeit wohl ein halbaquatischer Spitzenräuber und bietet aufgrund seiner hervorragendenErhaltung heute der Forschung die Aufnahme vieler guter Messungen an, mit denen man den Trends in der morphologischen Entwicklung früher Wale nachspüren kann. Auf seine ausführliche Beschreibung darf man sehr gespannt sein.

DEVELOPING A TASTE: 
CONNECTING SKULL SHAPE ONTOGENY AND EVOLUTION OF DIFFERENT FEEDING ADAPTATIONS IN CETACEA USING 3D GEOMETRIC MORPHOMETRICS

Agnese Lanzetti, Vincent Fernandez, Brett Clark und Anjali Goswami (S. 166-167, Vortrag)

Der schädelkundliche Beitrag aus dem Londoner Naturkunde-Museum spürt der Bedeutung von Modifikationen in der Individualentwicklung für die Evolution nach. Für Wale will man Veränderungen im Schädelwachstum in Beziehung setzen zu der evolutiven Herausbildung der vielfältigen Fress-Spezialisierungen und -anpassungen, die sich zwischen Zahn- und Bartenwalen unterscheiden, aber auch innerhalb einer Unterordnung zwischen verschiedenen Familien etc. So unterscheidet sich der Belugawal als kurzschnauziger Sauger von Flussdelfinen, die langschnauzige Fischjäger sind. 

Es wurde ein Datensatz über mehr als 120 Tiere lebender Arten angelegt, von Föten bis zu Erwachsenen, und aus vielen unterschiedlichen Verwandtschaftsgruppen. Da alle Wale einen gemeinsamen Ursprung haben, wurde ein ursprünglicher Verlauf des Schädelwachstums rekonstruiert. Die weiteren Untersuchungen ergaben, dass gegenüber dieser ursprünglichen Verlaufskurve die Bartenwale ein verlangsamtes Schädelwachstum zeigen, während es bei Zahnwalen beschleunigt ist. Im Einzelnen gibt es dabei deutliche Unterschiede zwischen den Familien. Bedeutsam ist, dass die einzelnen Schädelteile nicht alle gleichmäßig wachsen.

Für den weiteren Fortgang der Forschung denkt man daran, auch fossile Schädel in den Datensatz zu integrieren. So hofft man genauer herauszuarbeiten, welche Schädelregionen für die Veränderungen des Wachstums und damit für die morphologische und ökologische Diversifizierung der Wale eine Schlüsselrolle spielen.

THE RELATIONSHIP BETWEEN THE POSTURE OF FLIPPERS AND THE PRESENCE OF DORSAL FINS LEADING TO THE RECONSTRUCTION OF THE DORSAL FIN IN SMALL CETACEANS: THE CONTRIBUTION OF FINS TO LATERAL/DIHEDRAL INHERENT STABILITY

Okamura Taro, Akune Yuichiro, Mori Tomoko, Morisaka Tadamichi, Otomo Wataru, Wakabayashi Ikuo, WatanabeShun und Yoda Ken (S. 197-198, Poster)

Kann man von Schulterblatt und Oberarmknochen Rückschlüsse auf die Finne ableiten? Studie an lebenden Tieren hilft bei der Rekonstruktion fossiler Arten (Bild: J. Herrmann).

Eine Arbeit aus Japan beschäftigt sich mit den Rückenfinnen von Kleinwalen. Die Gestalt dieser Finne variiert zwischen den Arten z.T. beträchtlich, und manche Arten haben gar keine. Die Finne spielt eine Rolle für die Stabilität der Körperhaltung beim Schwimmen im Wasser.

Da die Rückenfinne nur aus Weichgewebe besteht, wird sie zumeist fossil nicht überliefert. Seltene Ausnahmen können Fälle darstellen, in denen der Hautschatten eines Tieres erhalten ist. Zumeist aber ist es schwierig, für fossile Wale die Finne besser als nur intuitiv zu rekonstruieren. Eine gute Rekonstruktion ist aber wichtig, um Verhalten und Ökologie des Tieres zu ermitteln.

Die Forscher setzen nun bei lebenden Tieren das Vorkommen der Finne in Beziehung zu der Haltung der Armflossen (Flipper) beim Geradeausschwimmen. Denn auch die Flipper können für Stabilität der Körperhaltung sorgen, ebenso gut wie die Finne. In Delfinarien dokumentierten die Forscher die Flipperhaltung von fünf verschiedenen Arten, davon drei mit und zwei ohne Finne.

Zwischen beiden Artengruppen zeigten sich Unterschiede in der standardmäßigen Flipperhaltung, und solche Unterschiede spiegeln sich auch in der Gestalt von Schultergelenk und Oberarmknochen. Hat man bei fossilen Arten also Schulterblatt und Oberarm, dann lassen sich daraus Rückschlüsse auf das Vorhandensein einer Rückenfinne ableiten.

EVIDENCE FOR OLIGOCENE CETACEAN DIVERSITY IN THE SOOKE FORMATION (CARMANAH GROUP) OF VANCOUVER ISLAND, BRITISH COLUMBIA, CANADA

Elizabeth C. Rohlicek, Robert W. Boessenecker und Victoria M. Arbour (S. 220, Vortrag)

Untersucht wurden fragmentarische Walfossilien von Vancouver Island an der Pazifikseite Kanadas. Sie stammen aus dem Oligozän (der Zeit vor ca. 34 – 23 Millionen Jahren) und gehören zu einer Museumssammlung in der Stadt Victoria an der Südspitze der Insel. Beteiligt an dieser Arbeit ist der US-Amerikaner Robert W. Boessenecker, der 2015 über oligozäne Walfossilien in Neuseeland promovierte.

Robert W. Boessenecker bei der Arbeit an einem fossilen Schädel in Neuseeland. Quelle:
https://coastalpaleo.blogspot.com/

Betont wird die taxonomische Vielfalt der Fundstücke:

  • Ein Atlas-Wirbel und wohl auch ein Schulterblatt können der Familie Squalodelphinidae zugeordnet werden. Die gehört zu den Platanistoidea („Flussdelfinartige“; so genannt, auch wenn diese Tiere damals im Meer lebten). 
  • Ein Stück von der Unterseite eines Schädels könnte zu einem Tier aus der Zahnwal-Familie Squaloziphiidae gehören, die erst 2019 in der Wissenschaft aufgestellt wurde.
  • Ein Stück Hinterhaupt passt gut zu dem bezahnten Bartenwal Chonecetus sookensis, der 1968 von Vancouver Island beschrieben wurde und ursprünglich als ein Urwal angesehen worden war. Er steht in der Familie Aetiocetidae, zu der auch viele hier betrachtete Wirbel gehören könnten. Da aber über Wirbel der Aetiocetidae noch nicht viel bekannt ist und diese Tiere nicht größer sind als viele Zahnwale, besteht an diesem Punkt noch weiterer Forschungsbedarf.
  • Ein nur teilweise erhaltener Lendenwirbel sieht so aus, als könne er von einem basilosauriden Urwal stammen. In dem Fall wäre das Tier einer der letzten Überlebenden seiner Familie gewesen. Es ist aber auch möglich, dass dieser Wirbel von einem großen Bartenwal stammt. Eine genaue Bestimmung erweist sich als schwierig.

Deutlich wird jedoch die große Vielfalt der oligozänen Walfauna von Vancouver Island, der einzigen Gegend Kanadas, von der man Walfossilien aus der Zeit des Oligozän kennt. 

FIRST RECORD OF AN UPPER EOCENE ARCHAEOCETE FROM THE RASHRASHIYAH FORMATION, AL-JAWF REGION, NORTHWESTERN SAUDI ARABIA

Iyad S. Zalmout, Yahya A. Al-Mufarreh, Saleh A. Soubhi, Mohammed A. Haptari, Abdullah I. Nabhan, Abdullah M. Memesh, Mohammed H. Aljahdali und Philip D. Gingerich (S. 278-279, Poster)

Philip D. Gingerichs Team bei früherer Feldarbeit in Pakistan. Stehend: Iyad Zalmout, nun der Erstautor des Berichtes über einen neuen Walfund in Saudi-Arabien. Foto: Philip D. Gingerich

Wichtige Fundgebiete für Urwale sind einerseits Indopakistan und andererseits Ägypten. Zwischen diesen beiden Gebieten liegt vor allem die Arabische Halbinsel. Von dort wurde in der Vergangenheit bereits fossiles Walmaterial aus Jordanien beschrieben. Nun berichten die Forscher über einen neuen Fund aus Saudi-Arabien:

Es handelt sich um zwei Serien von Schwanzwirbeln, die keinen Meter voneinander entfernt lagen und offenbar zu demselben Individuum gehören. Die erste Serie umfasst sieben miteinander verbundene Wirbel, die zweite Serie sechs. Es sind mittlere bzw. hintere Schwanzwirbel eines Basilosauriden, also eines bereits rein wasserlebenden Urwals. Allerdings fehlen die hintersten Wirbel, so dass nicht der berühmte „Ballwirbel“ vorliegt, der ein Indiz für eine breite Fluke ist.

Die Gestalt der Wirbel ähnelt denen von Dorudon atrox, einer gut bekannten ägyptischen Art. Aber die neuen Fundstücke sind etwas kleiner und entsprechen in der Größe eher einem anderen ägyptischen Urwal: Stromerius nidensis, benannt nach dem Münchner Paläontologen Ernst Stromer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts ägyptische Walfossilien erforschte.

An dieser Arbeit ist der Amerikaner Philip D. Gingerich beteiligt, der über reiche Erfahrungen mit Urwalen sowohl in Pakistan als auch in Ägypten verfügt, und der ebenso erfahren in der Zusammenarbeit mit einheimischen Forschern in muslimischen Ländern ist, wie er sie auch in diesem Fall pflegt.

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