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Pottwalkalb in menschlicher Obhut  Hannover, 16. September 2001 - Am 7. August bekam das Strandungsteam des Clearwater Marine Aquarium (CMA) einen Anruf vom Gulf World Marine Park. Bei St. George Island, östlich von Apalachicola, Florida war ein Wal unbekannter Art gestrandet. Der Wal wurde von Menschen ins tiefere Wasser zurückgestossen, strandete aber wieder am 8. August auf St. George Island. Daraufhin hat ein Team des Gulf World Marine Park den Wal aufgesucht, als juvenilen Pottwal (Physeter macrocephalus) bestimmt und geborgen. In einem Transporter wurde der Pottwal Richtung CMA gefahren. Ein Team des CMA kam diesem Transporter mit einem speziell eingerichteten Strandungswagen entgegen. Der Wal wurde umgeladen und kam schliesslich nach 3 stündiger Fahrt im CMA an.
Die Tierärztin Dr. Robin Moore führte eine Eingangsuntersuchung durch und fand einige durch Haibisse und Strandungsabschürfungen verursachte Hautwunden. Eine grössere nekrotische Veränderung war linksseitig an der Flute zu sehen. Nach Behandlung mit Antibiotika wurde das nach der Strandungsstelle George benannte Pottwalkalb in den Strandungspool des Aquariums gelassen. George war am ersten Tag ca. 3 m lang und wog etwa 454 kg.
In den darauffolgenden Tagen experimentierten die Mitarbeiter des CMA mit einer geeigneten Milchformel. Täglich nimmt George etwa 26-35 Liter der Milchmischung zu sich. Zahlreiche Freiwillige helfen in vier Stunden Schichten dabei, George in seinem Stretcher zu halten. Spendengeber aus der Gegend unterstützen das Projekt, indem sie die Kosten der täglichen Milchration übernehmen. Bis zum 21.8. hat George fast 100 kg zugenommen und hält seitdem das Gewicht von etwa 550 kg (12.September 565 kg). Der Gesundheitszustand und die geringe Motilität des Pottwalkalbes machen den Betreuern nach wie vor Sorgen. Ein Durchkommen des Säuglings ist noch nicht garantiert.
Das CMA in Florida ist ein nicht kommerzielles Aquarium, dass sich der öffentlichen Fortbildung, Meeresforschung, Therapie mit Hilfe von Tieren, und der Rettung, Rehabilitation von Walen, Delphinen, Ottern und Seeschildkröten verschrieben hat. Es betreibt ein Strandungsnetzwerk und hat auch schon erfolgreich gestrandete Kleinwale rehabilitiert wieder ausgesetzt.
Die Strandungsnetzwerke in den USA sind sehr aktive Organisationen. Zumeist besteht die Arbeit in der Aufnahme von Totstrandungen und Untersuchung der mehr oder weniger gut erhaltenen Tierkörper. Seltener kommt es zu Lebendstrandungen. In der Regel wird versucht, die gestrandeten Tiere wieder auf die offene See zu verbringen. Dass das in vielen Fällen nur ein aus den Augen schaffen eines kranken Tieres ist, das dann an einem anderen Ort verstirbt, hat im letzten Jahr Dr. Hartmann in Hannover berichtet.
Öfter als in Europa werden In den USA kranke Tiere aufgenommen und in ein nahegelegenes Delphinarium gebracht. Dort werden die Tiere stabilisiert, behandelt und danach wieder ausgesetzt. Das ist erprobte Praxis mit kleineren Zahnwalen, wie viele Dokumentationen auf den Internetseiten der Strandungsnetzwerke belegen.
1998 sorgte der einjährige Aufenthalt eines Grauwalkalbes in Seaworld Kalifornien für Aufsehen. Als wenige Tage altes Kalb war JJ in das Seaworld Delphinarium gekommen. Nachdem die junge Grauwaldame ein Jahr später mit allerhand Sendern ausgestattet ausgesetzt worden war, dauerte es allerdings keine Woche bis die Sender abgestossen und JJ (bis heute) aus der Sicht war (Bericht auf Cetacea.de).
UPDATE Clearwater, 21. September 2001 - Das Pottwalkalb George ist gestorben. Nachdem George abermals Gewicht verloren und Probleme bei der Nahrungsaufnahme gezeigt hat, ist er am 21. September kurz nach Mitternacht Ortszeit gestorben. 43 Tage wurde er Stunde um Stunde aufwändig gepflegt und versorgt. Der Körper des Pottwalkalbes wird im Florida Marine Research Institute untersucht. Komplette Untersuchungsergebnisse der Sektion und der Folgeuntersuchungen werden frühestens in einigen Wochen erwartet.
Kommentar: Wer die Bilder des kleinen Pottwal sieht, dem wird ganz komisch zumute. Ein Pottwalkalb in menschlicher Obhut. Kann so etwas funktionieren, oder wird da nur die menschliche Neugier bedient? Immerhin ist ein Pottwal im Delphinarium eine Art Sensation.
Barnett (2000) schreibt davon, dass es bei Strandungen von Walkälbern erstes Gebot sei, eine eventuell in der Nähe schwimmende Mutter zu entdecken, der man das Kalb wieder zutreiben könnte. Ist kein Muttertier in Sicht, sei es das beste, das Walkalb zu euthanasieren, da ein von Menschen grossgezogener Wal keine Chancen auf ein walwürdiges Leben in freier Natur hätte.
Es ist also generell fraglich, ob Jungtiere, die noch von einem Muttertier abhängig sind, in menschlicher Obhut aufgezogen werden sollten. Auch wenn die körperlichen Bedürfnisse gestillt werden können, kann das Kalb nicht die notwendigen Fähigkeiten zur Kommunikation und Sozialverhalten lernen und bleibt ein lebenslanger Pflegefall. Pottwale können aber kein Leben lang im Delphinarium gehalten werden. Sie sind Tieftaucher und ernähren sich von Lebewesen, die in bis zu dreitausend Meter Tiefe leben.
Nun ist das Kalb aber im Delphinarium und wird von einem Tag auf den nächsten am Leben erhalten. Eine Situation, in der wahrscheinlich keine Zeit besteht, sich den grundsätzlichen Gedanken hinzugeben, was mit einem solchen Tier geschehen soll, wenn es grösser wird.
Aber angesichts eines solchen Bündel Lebens versagt einem die Stimme, wenn man sagen wollte, dass die Euthanasie die bessere Lösung gewesen wäre. Nun läuft das Leben dieses besonderen Tieres weiter, das so oder so einen besonderen Weg gehen wird. Hoffen wir das beste für George.
Literatur:
BARNETT, J. (2000):
Assessment and treatment of wild marine mammals. Part two: cetaceans.
Irish Veterinary Journal 53, S. 639-649
Die Abbildung ist der Internetseite des Clearwater Marine Aquarium entnommen.
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