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Nachrichten über Wale und Delfine

Ur-Bartenwal ohne Filter: Jagd wie bei Raubtieren

Evolution verlief anders als gedacht - Fossilfund in Australien
von JOHANNES ALBERS

Essen, 21. August 2006 - Ein fossiler Walschädel in Australien widerlegt die bisherige Vorstellung, die Evolution der Bartenwale habe mit der Entwicklung einer filtrierenden Fresstechnik begonnen. Von der Küste Victorias im Südosten des Kontinents stammt der Fund des Janjucetus hunderi, der eine neue Familie in der zoologischen Systematik begründet, die Janjucetidae. Der Name bezieht sich auf die Ortschaft Jan Juc, in deren Nähe ein Mister Hunder den Schädel fand. Die Art gehört zwar zur Unterordnung der Bartenwale (Mysticeti), besaß aber weder Barten noch sonst einen Apparat zum Ausfiltern kleiner Tiere aus dem Meerwasser. Statt dessen jagte dieser Wal mit scharfen Zähnen große Beutetiere. Seine Körperlänge ist mit etwa 3,5 Metern einem heutigen Großen Tümmler vergleichbar.

Erich Fitzgerald von der Monash-Universität in Clayton und dem Museum von Victoria in Melbourne berichtet über den bizarren Schädel in den britischen Proceedings of the Royal Society, Series B (doi:10.1098/rspb.2006.3664).

Das Fossil stammt aus Schichten des Chattium, die vor rund 24 - 27 Millionen Jahren abgelagert wurden. Damit gehören sie zum oberen Oligozän - einer Zeit, in der es bereits zahnlose Wale mit Barten gab. Janjucetus ist nicht der älteste Vertreter der Mysticeti, stellt aber einen Typus dar, der dem Ursprung dieser Unterordnung noch näher steht als manche ältere Gattungen. Gebiss und Gehörknochen ähneln noch den Basilosauridae aus der Unterordnung der Urwale (Archaeoceti), die im Eozän gelebt haben.

Schon lange kennt man Zähne tragende Bartenwal-Fossilien, die bis in die Zeit vor 34 Millionen Jahren zurückreichen, an die Grenze vom Eozän zum Oligozän. Doch bei diesen Formen gibt es teils Anzeichen, dass sie auch schon erste Barten trugen, teils glaubte man, ihre Zähne bildeten ein Gitter zum Ausfiltern von Kleintieren. Beides trifft auf Janjucetus nicht zu. Dass er trotzdem in die Unterordnung der Bartenwale gehört, zeigen Merkmale wie der Verlauf von Knochenkämmen an der Schädelbasis und von Fortsätzen der Oberkiefer. Zudem gibt der Schädel keine Hinweise auf eine für Zahnwale typische Melone vor der Stirn und damit eine Echoortung mit Ultraschall. Statt dessen orientierte sich das Tier mit auffallend großen Augen. Dieser Befund steht auch gegen die Hypothese, Bartenwale hätten ursprünglich eine Echoortung wie Zahnwale gehabt und sie dann erst sekundär wieder eingebüßt.

Im Vergleich mit anderen Funden kommt Erich Fitzgerald zu dem Schluss, im Oligozän habe es mindestens sechs verschiedene Entwicklungslinien von bezahnten Mysticeti gegeben. Auch die schon 1939 beschriebene bartenlose Art Mammalodon colliveri, aus gleicher Zeit und Fundgegend wie Janjucetus hunderi, sei kein Filtrierer gewesen. So eröffnet sich das Bild einer überraschend großen morphologischen und ökologischen Vielfalt der Mysticeti in den frühen Phasen ihrer Evolution. Doch nur solche Vertreter, die eine filternde Ernährung entwickelten, konnten sich bis heute fortpflanzen. Auch bei heutigen Bartenwalen finden sich im embryonalen Zustand noch Zahnkeime, die aber wieder zurückgebildet werden.

Zu der Vielfalt früher Mysticeti gehören auch unterschiedliche Körpergrößen. So war Llanocetus denticrenatus, der als ältester bekannter Bartenwal gilt, bereits vor 34 Millionen Jahren merklich größer als Janjucetus. Freilich hat er wohl auch Barten besessen und demnach massenweise Kleintiere gefiltert. Diese Ernährungsweise ist den Weidetieren an Land vergleichbar, die auch oft größer werden als Raubtiere, die schnell und wendig sein müssen. Allgemein bekannt ist auch, dass Bartenwale ihre heute oft riesigen Größen erst im Laufe der Zeit erlangten. Doch wie im vergangenen Jahr der Paläontologe Michelangelo Bisconti von der Universität Pisa herausstellte, gab es in der Familie der Glattwale (Balaenidae) noch im Pliozän (vor 5,3 - 1,8 Millionen Jahren) eine größere Vielfalt an kleinwüchsigen Arten, als man bis dahin gedacht hatte (Palaeontology 48: 793 - 816). Während sie ausstarben, konnten Großformen das Eiszeitalter überstehen und wurden in ihrer Existenz erst durch den Menschen gefährdet.

Johannes Albers betreut bei Cetacea.de die Rubrik Palaeocetologie (Fossile Wale)

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