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Der Zahnwal in der Tabakstadt

Eosqualodon und seine Evolutionsstufe

von Johannes Albers

Der Wal bewegt sich! Die Schnauze zeigt ein leichtes Wippen, als sich unter meinen Schritten der Holzboden knarrend biegt. In der oberen Stube eines alten Bauernhauses nähere ich mich einem der größten Schätze deutscher Wal-Paläontologie: dem Zahnwalschädel aus dem Doberg bei Bünde in Westfalen.

Er wurde berühmt als der besterhaltene fossile Walschädel auf der Nordhalbkugel. Zum Schädel mit Unterkiefer gehören auch einige Wirbel von Hals, Rumpf und Schwanz.

So war es im Sommer 1999. Inzwischen ist die Bauernhaus-Romantik für den Wal vorbei: Nebenan war bereits das neue Dobergmuseum aus viel Glas und Beton "teileröffnet" und wartete darauf, den Wal und andere Versteinerungen in seinem Untergeschoss aufzunehmen. Schon huschte der alte Zahnwal als computeranimierte Lichtprojektion über die Wände des Neubaus. Und der Presse war indirekt zu entnehmen, dass es mit dem freien Eintritt bald vorbei sein würde. So war es in vieler Hinsicht eine Begegnung zwischen den Zeiten, als mich im alten "Doberg-Saal" auf Striediecks Hof in Bünde der neue Museumsleiter Michael Strauß begrüßte.

Unter uns im Erdgeschoss war das Deutsche Tabak- und Zigarrenmuseum untergebracht. Das Prunkstück darin und einst das Aushängeschild Bündes: die größte Zigarre der Welt - 1, 60 Meter lang. Schließlich ist Bünde, nördlich von Bielefeld gelegen, traditionell als Tabakstadt bekannt. Die Zigarrenfabriken verschiedener Firmen prägen das Stadtbild.

Südöstlich von Bünde liegt der Doberg. Er enthält alte Meeresablagerungen aus der gesamten Epoche des Oligozän, das ist die Zeit vor 37 bis etwa 23 Millionen Jahren. Unter den zahlreichen Fossilien des Dobergs ist neben dem Zahnwal vor allem das Skelett einer Seekuh hervorzuheben. Es leistet dem Wal im Museum Gesellschaft. Der Wal ist etwa 27 - 28 Millionen Jahre alt, die Seekuh vielleicht 2 Millionen Jahre jünger. Beide Meeressäuger lebten in einem warmen, flachen Randmeer: der "Ur-Nordsee". Heute zeigt das Dobergmuseum die Fossilien beider Tiere auf seinen Internetseiten (www.dobergmuseum.de). Übrigens rechnete man im 19. Jahrhundert die Seekühe noch mit zu den Cetaceen.

Der Walschädel ist 93 Zentimeter lang und lässt auf ein Tier schließen, das 5 - 7 Meter gemessen hat. Es hatte einen voll beweglichen Hals, anders als viele heutige Wale. Der Hirnschädel erinnert in seitlicher Ansicht an einen leicht gestreckten Kasten, ist also noch nicht so sehr zusammengestaucht wie bei heutigen Formen. Die Schnauze ist weit nach vorn ausgezogen und trägt über 60 Zähne. Zwei von ihnen sind an der Schnauzenspitze wie Stoßzähne waagerecht nach vorn gerichtet. Man nimmt an, damit habe der Wal Nahrungstiere am Meeresboden aufgestöbert. Die hinteren Backenzähne erinnern an Haie: Dreieckig zugespitzte Kronen tragen auf ihren flachen Schneiden vorn und hinten deutliche Nebenspitzen. Der Wal gehört zur Familie der "Haizähner", zu den Squalodontidae. Anscheinend nutzte er eine vielseitige Nahrung und ähnelte im Jagdverhalten nicht nur Delphinen, sondern auch Belugas.

Geborgen wurde das Fossil im Jahre 1911. Als Finder gilt der Bünder Gymnasialprofessor Friedrich Langewiesche, nach dem das Tier Squalodon langewieschei genannt wurde. Er war durch einen Schüler zum Suchen von Doberg-Fossilien angeregt worden, die er im Gymnasium von Bünde sammelte. Im Ersten Weltkrieg wanderte die Sammlung auf den Dachboden der Schule, wo die Stadt nach Kriegsende ein "Steinzimmer" einrichtete, eine Art schuleigenes Museum. In den 30er Jahren entstand ein "richtiges Museum" auf Striediecks Hof. Friedrich Langewiesche leitete es bis in die 50er Jahre. Dann trat er im Alter von 83 Jahren in den Ruhestand. Heute ist in Bünde auch eine Straße nach ihm benannt.

Auch die Seekuh wurde nach Langewiesche benannt (Anomotherium langewieschei), doch wurde sie 1912 von dem Arbeiter Fritz Hüffmann entdeckt. Es ist eine entfernte Verwandte der ausgerotteten Stellerschen Seekuh. Vor ihrem Umzug in das neue Dobergmuseum musste sie eine gründliche Restauration durchstehen: Bei der Montage des Skeletts hatte man Unterkiefer und Rippen falsch angesetzt. Diesen Fehler wollte der neue Museumsleiter Michael Strauß nicht auf sich beruhen lassen.

Schon zur Zeit des "Steinzimmers" im Gymnasium wurde auch am Walschädel gearbeitet. Es war wohl der Paläontologe Josef Felix Pompeckj, der die Knochen des linken Ohres entfernte. Er benutzte sie für seine Studie von 1922 über die Gehörknochen früher Wale. Später galten die Teile jahrzehntelang als verschollen, bis der Mainzer Professor Karlheinz Rothausen sie in der nachgelassenen Sammlung Pompeckjs im Naturkunde-Museum in Berlin/DDR identifizieren konnte. 1982 wurden die Stücke nach 60 Jahren mit dem Schädel in Westdeutschland "wiedervereinigt", wie Rothausen sich ausdrückte. Es waren die Bulla tympanica (Paukenbein), das Petrosum (Felsenbein) mit darin festsitzendem Steigbügel und der Hammer des Mittelohres. In Bünde wurden die Knochen lose neben den Schädel gelegt.

Der Wal hat das gleiche geologische Alter wie der Patriocetus von Uerdingen, ist aber schon weiter evoluiert. Das zeigt sich vor allem am fortgeschrittenen Stadium des "telescoping-Prozesses", bei dem verschiedene Schädelknochen übereinander geschoben werden: Namentlich die Oberkieferknochen sind erheblich weiter auf den Hirnschädel aufgeschoben als bei Patriocetus.

Diese Überschiebungen sind durch die Rückwärtsverlagerung der Nasenöffnung initiiert, formen nach weit verbreiteter Theorie aber auch einen Schild, der die Ultraschalllaute des Zahnwals nach vorn reflektiert und dabei vom eigenen Ohr schützend abhält. Dass die Squalodontidae bereits Ultraschall nutzten, gilt nach Untersuchungen von Ohr-Fossilien als erwiesen. (Im Spiralgang der Schnecke ist die Basilarmembran beiderseits an Knochenlamellen befestigt. Je geringer der Abstand zwischen den Lamellen, desto höher der Ton, der an dieser Stelle registriert wird bzw. beim Fossil wurde.) Infolge des "telescopings" hat der Schädel von Bünde im Schläfenbereich nur noch eine geringe Einschnürung um die Mittelachse. Bei Patriocetus war sie noch viel deutlicher ausgeprägt. Gegenüber Patriocetus stellt der Wal von Bünde die nächsthöhere Evolutionsstufe dar.

Schädel von Eosqualodon langewieschei

Der Schädel des Eosqualodon langewieschei in Bünde gilt als der besterhaltene fossile Walschädel der Nordhalbkugel. Die Schnauze ist freilich in mehrere Teile zerbrochen. Zu dem Fund gehören auch einige Wirbel, die ersten beiden Halswirbel sitzen in ihrer natürlichen Position.
© Landesbildstelle Westfalen

Rothausen fand aber in den 60er Jahren, dass der Schädel in Bünde immer noch urtümlichere Merkmale aufweist als die meisten anderen Squalodon-Arten, die geologisch auch jünger sind. Deshalb stellte er die neue Gattung Eosqualodon auf. Eos heißt "Morgenröte", und so deutet der Name an, dass es sich um eine Frühform der "Haizähner" handelt, die sich später im Erdzeitalter des Miozän noch weiter entwickelt haben. Dort sind bei Squalodon die Knochenüberschiebungen noch weiter vorangeschritten. Dabei ist die Nasenöffnung noch weiter nach hinten verlegt. Die Basis der Schnauze ist nicht mehr so breit gebaut wie bei der Frühform, und um das Gehörorgan verstärkt sich die Ausbildung von Lufthöhlen, die der akustischen Isolierung und damit dem verbesserten Hören dienen.

Seit 1968 heißt der Wal aus dem Doberg offiziell Eosqualodon langewieschei. In die gleiche Gattung stellte Rothausen auch eine Form aus dem Oligozän Norditaliens: Eosqualodon latirostris. Interessant sind die Unterschiede zwischen beiden Arten. Denn Rothausen glaubt unter den späteren Squalodon-Arten zwei Formgruppen ausmachen zu können: Die "bariensis-Gruppe" schließt sich an Merkmale von E. langewieschei an, die "catulli-Gruppe" an Eigentümlichkeiten von E. latirostris.

E. latirostris hat eine Stirnplatte mit gewölbtem Mittelteil, während beim Wal in Bünde die Stirnplatte flach ist. Bei der italienischen Art sind die Zwischenkieferknochen weiter nach hinten ausgezogen und enden dort spitzer als beim Doberg-Fund. Vor der Nasenöffnung bilden die Zwischenkieferknochen bei E. langewieschei eine markante Verengung in der Öffnung des Rostralkanals. Bei E. latirostris ist diese Verengung geringer und vollzieht sich viel allmählicher.

In der Bezahnung verhält sich die "bariensis-Gruppe" recht konservativ. Die "catulli-Gruppe" dagegen zeigt bei den Backenzähnen eine Streckung der hinteren Schneide, wodurch die Zahnkrone in der Seitenansicht auffallend asymmetrisch wird. Dabei vermehrt sich die Anzahl der Nebenspitzen.

Lage des Dobergs bei Bünde

MUSEUMSADRESSE

Museum Bünde
Fünfhausenstr. 8 - 12
32257 Bünde
Telefon: (05223) 79 33 00
Internet: www.dobergmuseum.de
Ansprechpartner: Michael Strauß

Von E. langewieschei sind neben dem Bünder Museumsmaterial noch mehr Fundstücke aus dem Doberg bekannt: In Bünde selbst reihte Ingenieur Witte einen unteren Backenzahn in seine Privatsammlung ein. Ein vorderes Schnauzenstück gelangte in das Geologisch-Paläontologische Institut der Universität in Göttingen, das Hinterstück eines rechten Unterkiefers entsprechend nach Münster. Ein linkes Unterkieferfragment befindet sich im Berliner Museum für Naturkunde, wo auf einem alten Schild noch der Gattungsname Squalodon angegeben ist. Auch einzelne Zähne und Wirbel lagern in Berlin.


FACHLITERATUR ZUM VERTIEFEN

GERALD FLEISCHER (1976): Hearing in Extinct Cetaceans as Determined by Cochlear Structure. - Journal of Paleontology. Bd.50: 133-152.

GERALD FLEISCHER (1976): Über Beziehungen zwischen Hörvermögen und Schädelbau bei Walen. - Säugetierkundliche Mitteilungen. Bd.24: 48-59.

ZHEXI LUO und EDWARD R. EASTMAN (1995): Petrosal and Inner Ear of a Squalodontoid Whale: Implications for Evolution of Hearing in Odontocetes. - Journal of Vertebrate Paleontology. Bd.15: 431-442.

JOSEF FELIX POMPECKJ (1922): Das Ohrskelett von Zeuglodon. - Senckenbergiana. Bd.4: 43-100; 1 Tafel.

KARLHEINZ ROTHAUSEN (1968): Die systematische Stellung der europäischen Squalodontidae (Odontoceti, Mamm.). - Paläontologische Zeitschrift. Bd.42: 83-104; 2 Tafeln.

KARLHEINZ ROTHAUSEN (1985): The Early Evolution of Cetacea. - Fortschritte der Zoologie. Bd.30: 143-147.

KARLHEINZ ROTHAUSEN (1986): Marine Tetrapoden im tertiären Nordsee-Becken. 1. Nord- und mitteldeutscher Raum ausschließlich Niederrheinische Bucht. - Nordwestdeutschland im Tertiär, Teil 1 (= Beiträge zur Regionalen Geologie der Erde. Bd.18): 510-557.


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