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Cetacea.de - Donnerstag, 09. Februar 2012
URL: http://www.cetacea.de/palaeocetologie/eurhinodelphis/eurhino_01.htm


Eurhinodelphis & Co. –
Wale mit Speerschnauze

von Johannes Albers

Modell eines Eurhinodelphiniden

Bild 1: Modell eines Eurhinodelphiniden im Bachmann-Museum Bremervörde. Angefertigt von Ulrich Schliemann.
Foto: Johannes Albers.

„Zu den unbestritten abenteuerlichsten Waltieren“ zählt der Sammler und Wissenschaftler Ulrich Schliemann die miozänen Arten, die unter dem Namen Eurhinodelphis bekannt wurden. Das Miozän ist die Zeit vor ca. 24 – 5 Millionen Jahren, und die delphingroßen Vertreter von Eurhinodelphis finden sich z.B. im deutschen Nordwesten, in den Niederlanden und in Belgien. Man kennt sie aber auch aus dem Süden Deutschlands und Frankreichs, sowie aus Italien. Häufig sind sie auch in Amerika, namentlich in Maryland und Virginia.

Verschiedene Wirbeltierklassen brachten Meeresbewohner hervor, deren Schnauze einen speerförmigen Fortsatz trägt: An Fischen leben heute Schwertfisch, Fächerfische, Speerfische und Marline. Fischsaurier wie Eurhinosaurus waren schon lange ausgestorben, bevor die ersten Wale auftauchten. Unter den Meeressäugern wurde die fossile Walgattung Eurhinodelphis für eine solche Schnauzenform berühmt. Ihr langer Rostralfortsatz am Oberteil der Schnauze wird von den zahnlosen Prämaxillae (Zwischenkiefern) gebildet und überragt weit den Unterkiefer. Hinter diesem Fortsatz tragen Ober- und Unterkiefer Reihen spitzer Zähne. Ähnlich und nahe verwandt sind Gattungen wie Argyrocetus und Schizodelphis, die eine gemeinsame Familie mit Eurhinodelphis bilden.

Schnitt durch das Ohrgehäuse (Perioticum) eines Eurhinodelphiniden.

Bild 2: Schnitt durch das Ohrgehäuse (Perioticum) eines Eurhinodelphiniden. Man erkennt die Austrittsöffnung des Hörnervs (unten) und die Windungsgänge der Schnecke.
Präparat und Foto: Ulrich Schliemann.

Der Rostralfortsatz dieser Zahnwale diente wohl als Hilfsmittel auf der Jagd nach Nahrungstieren. Im Detail hat man verschiedene Hypothesen entwickelt: Der Österreicher Othenio Abel glaubte 1909 an den Einsatz als Schlagstock bei der Fischjagd im Freiwasser. 1931 nahm er vorrangig ein Stöbern nach Kopffüßern in Tangwäldern an. Der Niederländer Everhard Johannes Slijper dachte 1962 an ein Durchstöbern des schlammigen oder sandigen Meeresbodens auf der Suche nach Fischen. Von der Bodenjagd speerschnauziger Zahnwale ist Mitte der 80er Jahre auch Giorgio Pilleri, Leiter des Hirnanatomischen Instituts der Universität Bern, überzeugt. 2002 meinen die Italiener Giovanni Bianucci und Walter Landini, dass solche Tiere im frühen Miozän zunächst das küstennahe Flachmeer bewohnten, dass einige von ihnen dann aber auch die Hochsee eroberten. Damit wäre eine Veränderung in der Funktionsweise des Fortsatzes ebenso denkbar wie eine immer schon vorhanden gewesene Variabilität.

Freie Halswirbel belegen eine gute Beweglichkeit des Kopfes, und der Knochenbau der Tiere verrät eine starke Muskulatur. Offenbar waren diese Wale schnelle Schwimmer. In der knöchernen Gehörschnecke bleibt der Spalt zwischen den Leisten zur Aufhängung der Basilarmembran schmal. Das lässt auf die Verwendung von Ultraschall und damit auf eine gut entwickelte Echoortung schließen.

Machen wir uns näher mit diesen Tieren vertraut, indem wir drei Funde von drei unterschiedlichen Arten betrachten. Dabei folgen wir der Fundchronologie und steigen in der Stratigraphie schrittweise vom Obermiozän in das Mittelmiozän hinab. An allen drei Fundorten wurden vor dem jeweiligen Speerschnauzenwal bereits Bartenwal-Reste ausgegraben.

Eurhinodelphis cocheteuxi von Biemenhorst

Eurhinodelphis cocheteuxi im Stadtmuseum Bocholt.

Bild 3: Eurhinodelphis cocheteuxi im Stadtmuseum Bocholt. Am Kopf (links) fehlt die lange Schnauze.
Foto: Johannes Albers.

Am 9. Juli 1975 wurde Manfred Tangerding aus Bocholt (Nordrhein-Westfalen) zum Leiter der neu gegründeten Geologischen Arbeitsgemeinschaft Westmünsterland gewählt. Die neue Gruppe ging frisch ans Werk und barg noch im selben Sommer ein denkwürdiges Fossil: In Bocholt-Biemenhorst, wo in den 50er Jahren schon systematisch Bartenwale ausgegraben worden waren, hatten die jugendlichen Hobby-Geologen Alfred Balcke und Heiner Enk in einer alten Tongrube Reste eines Zahnwals entdeckt. Man fand Schädelstücke einschließlich beidseitiger Gehörknochen, Wirbel, eine Rippe und ein Schulterblatt. Der Wal war im Leben ca. 3 – 4 Meter lang gewesen. Es war ein Eurhinodelphis cocheteuxi aus dem Obermiozän vor 10 Millionen Jahren. Manfred Tangerding erkannte die Gattung anhand der Halswirbel und hat dafür gesorgt, dass das Fossil heute im Stadtmuseum Bocholt ausgestellt ist. Es fehlt freilich der charakteristische Schnauzenfortsatz, der dieser Gattung ihren griechischen Namen eintrug.

Aufgrund dieses Mangels konnte die Presse 1975 eine Rekonstruktionszeichnung verbreiten, in welcher der Fortsatz bis zu seiner Spitze mit absonderlichen Pflasterzähnen besetzt ist. Zudem zeigt sie das Skelett von einem Körperumriss eingerahmt, der schlichtweg keinen Platz für die zahnwaltypische Melone auf der Stirn bietet. Eine Weichteil-Aufwölbung zeigt das Profil erst in der Verlängerung der Stirnlinie des Schädels, was anatomisch falsch ist. Auch diese kuriose Zeichnung wird bis heute im Museum ausgestellt.

Unter den verschiedenen Eurhinodelphis-Arten ist E. cocheteuxi bereits eine auffallend große Form. Sie kann 4,5 - 5 Meter Länge erreichen.

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Bild 4: Schizodelphis longirostris (= „Eurhinodelphis longirostris“) aus Freetz bei Sittensen. Rekonstruktion der gefundenen Skelettteile.
Foto: Ulrich Schliemann.

Schizodelphis longirostris (= „Eurhinodelphis longirostris“) von Freetz

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Bild 5: Unterkiefer-Zähne aus dem Skelett des Schizodelphis longirostris (= „Eurhinodelphis longirostris“) von Freetz.
Foto: Ulrich Schliemann.

In den 80er Jahren kam in der Tongrube von Freetz bei Sittensen (Niedersachsen) ein Skelett einer kleineren Art ans Licht, deren Schnauze aber mit 9/11 der Schädellänge relativ länger ist. Darauf weist bei „Eurhinodelphis longirostris“ auch der lateinische Artname hin. Die Art selbst wird heute jedoch nach Christian de Muizon zur Gattung Schizodelphis gestellt und deshalb Schizodelphis longirostris genannt. Bei diesem Fund ist die Schnauze besser erhalten als bei dem Wal aus Bocholt. Und neben dem Skelett kennt man von Freetz noch eine weitere Schnauze, die ebenfalls der longirostris-Art zuzuweisen ist.

Die Fossilien von Freetz schätzt man auf ein Alter von etwa 14 Millionen Jahren. Damit sind sie älter als der Eurhinodelphis in Bocholt und stammen aus dem Grenzbereich zwischen Mittel- und Obermiozän. Das Skelett von Freetz ist heute in einem Diorama des Bachmann-Museums Bremervörde ausgestellt, zusammen mit den Skelettresten eines Bartenwals, den dieselbe Grube bereits früher freigegeben hat. Dabei haben wir die Funde als solche und ihre Präsentation Ulrich Schliemann zu verdanken, der weithin im Ein-Mann-Verfahren das Diorama gestaltet hat, das kunstvoll fließend in eine Vitrinenausstellung mit weiteren Walfossilien übergeht. Zu dem Diorama gehört auch ein Halbschalenmodell eines lebenden Speerschnauzenwals.

Die gefundenen longirostris-Zähne belegen noch Relikte einer ursprünglich komplizierteren Zahnmorphologie, doch ist die Vereinfachung bereits weit fortgeschritten, die zu den heutigen Stiftzähnen der Delphine geführt hat.

Eine Vitrine des Museums enthält auch die Schädelzeichnung eines mittelmiozänen Eurhinodelphis bossi aus Maryland (USA). Einem Fund dieser Spezies wenden wir uns nun zu.

Eurhinodelphis bossi aus USA: Ein Wettlauf zwischen Gut und Böse

Reichhaltiges Fundgut aus dem Mittelmiozän bietet an der Küste Neuenglands die Calvert-Formation. Freilich ist in den berühmten Calvert Cliffs eigenmächtiges Graben verboten. Welche Probleme es trotzdem damit gibt, illustriert folgender Bericht, der sich auf einen preisgekrönten Internet-Artikel von Paul Murdoch stützt (http://www.fossilguy.com/articles/calv_porp/porp1.htm).

Bergung des Eurhinodelphis bossi:

Bild 7: Bergung des Eurhinodelphis bossi: Der Fels um das Fossil wurde ausgehöhlt, das Skelett selbst mit Gips ummantelt. Foto: Stephen Godfrey

Eurhinodelphis bossi in der Präparationswerkstatt des Calvert Marine Museum.

Bild 8: Eurhinodelphis bossi in der Präparationswerkstatt des Calvert Marine Museum. Foto: Paul Murdoch Jr.

Ende Mai bis Anfang Juni 2001 grub das Calvert Marine Museum (Solomons, Maryland) an der Westküste der Chesapeake Bay einen fossilen Bartenwal aus. Dabei wurde das Team durch Pam Platt, dem Museum seit langem als freiwillige Hilfskraft verbunden, auf die Wirbelreihe eines zweiten Wals aufmerksam gemacht, die seit einiger Zeit etwas weiter südlich aus der Felswand erodierte. Als das Team sich die Sache am nächsten Tag ansehen wollte, gab es eine böse Überraschung. Über Nacht waren alle sichtbaren Teile des Tiers herausgehackt und entfernt, oder arg beschädigt worden: Raubgräber!

Paul Murdoch, ein Grabungshelfer des Museums, begutachtete die Fundstelle Ende September 2001, als die Erosion inzwischen weitere Wirbel, Rippen und ein Schulterblatt freigelegt hatte. Er kehrte eine Woche später mit dem Museumsangehörigen Stephen Godfrey zurück. Mittlerweile waren wieder Wirbel und Epiphysenplatten geraubt worden. Dieses Treiben wiederholte sich nochmals, bis im Oktober die offiziell genehmigte Grabung des Museums beginnen konnte. Die führte nach zwei Tagen zur Entdeckung des Schädels, dessen Schnauze tief in den Fels hineinragte. In tagelanger Arbeit legte man das Tier mit seinem unmittelbaren Steinbett frei und transportierte es in zwei separaten Blöcken per Boot ab. So konnte der Wal nach Millionen von Jahren noch einmal das Meer durchstreifen.

Der fertig präparierte Schädel des Eurhinodelphis bossi.

Bild 9: Der fertig präparierte Schädel des Eurhinodelphis bossi. Foto: Paul Murdoch Jr.

Es ist ein gut erhaltener Eurhinodelphis bossi, von dem man auch ein (bei Zahnwalen sehr zartes) Jochbein geborgen hat. Einige der entwendeten Teile wurden sogar durch einen Sammler dem Museum geschenkt, nachdem die offizielle Grabung den Fund bekannt gemacht hatte. So gelangten sie zurück zu dem ihnen gebührenden Platz. Doch auf dem Hintergrund der kriminellen Raubgräberei stellt sich ein mulmiges Gefühl ein, wenn etwa ein kommerzieller Fossilienhandel im Internet das Angebot eines Eurhinodelphis-Wirbels aus der Calvert-Formation in Maryland, USA unterbreitet.

Hier ist freilich zu betonen, dass Eurhinodelphis bossi die vielleicht häufigste Walart der Calvert-Formation ist. Und längst nicht alle Funde sind so prächtig wie das Tier von 2001. Bei seiner Ausgrabung fand man in der Umgebung verstreut auch einzelne Wirbel eines anderen kleinen Zahnwals, der vermutlich ebenfalls durch Erosion aus der Felswand herausgetreten war. Eurhinodelphis bossi wird etwa 2,7 Meter lang (allein der Schädel gut 1 Meter) und hat im Leben wohl um die 400 kg gewogen.

Eurhinodelphis und ähnliche Wale: Ein systematisch-historischer Überblick

Wir sind nun so tief in die Materie eingedrungen, dass wir einen systematisch-historischen Überblick wagen können.

In Belgien kamen 1861 – 1863 beim Bau der Befestigungsanlagen von Antwerpen neben zahlreichen anderen Walknochen auch versteinerte Reste einer neuen Gattung ans Licht, die du Bus 1867 als Eurhinodelphis bekannt machte. Er unterschied eine ganze Reihe von Arten, denen er zum Teil auch eine andere Gattungsbezeichnung gab. Diese Vielzahl der Formen strich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Othenio Abel in eingehenden Vergleichen auf drei Arten von Eurhinodelphis zusammen. Sie erreichten Körperlängen von rund 2 – 5 Metern und wurden später alle drei auch von der Grube Wiegerink in Gelderland (Osten der Niederlande) gemeldet:

1901 machte Othenio Abel Eurhinodelphis zur Typusgattung einer neuen Walfamilie mit Namen „Eurhinodelphidae“. Um der sprachlichen Einheitlichkeit willen hat man diesen Familiennamen Ende der 90er Jahre in Eurhinodelphinidae geändert, entsprechend dem Namen Delphinidae für die Delphine. Früher war auch der Konkurrenzname „Rhabdosteidae“ weit verbreitet, bereits 1871 durch Theodore Nicholas Gill eingeführt. Denn ähnliche Walreste wie in Antwerpen fand man ab 1867 in Maryland (USA). Ihre Gattungszugehörigkeit erschien zunächst unsicher; Edward Drinker Cope beschrieb einen Schädelrest unter dem Namen Rhabdosteus latiradix. 1918 fand dann Norman H. Boss ein vollständigeres Fossil, bei dem Schädel und Wirbel erhalten waren. Dieses Tier beschrieb der berühmte Walforscher Arthur Remington Kellogg als Eurhinodelphis bossi.

Christian de Muizon hielt noch 1985 „Rhabdosteidae“ für den gültigen Familiennamen. Aber 1988 fand er, dass die Typusart für die „Rhabdosteidae“ von unsicherer Einordnung und dieser Name daher abzulehnen ist.

Die Familie als solche betrachtete Abel als Schwestergruppe der rezenten Ziphiidae (Schnabelwale). Auch von ihnen kennt man Fossilien mit extrem langer Schnauze (Mesoplodon longirostris). Auf diesem Hintergrund wirkt es verwirrend, wenn in populärer Literatur „Eurhinodelphis longirostris“ gelegentlich als „Schnabelwal“ angesprochen wird. Zu dem Schwestergruppen-Verhältnis gelangt jüngst auch eine computergestützte Analyse von Olivier Lambert, die freilich nur acht heutige und acht ausgestorbene Zahnwal-Taxa umfasst. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden fraglichen Familien versteht Slijper hingegen schon 1936 in seinem vergleichend-anatomischen Monumentalwerk „Die Cetaceen“ als bloße Konvergenzerscheinungen.

Slijper leitete die Eurhinodelphinidae von primitiven Squalodontidae ab. Auch der Amerikaner Lawrence G. Barnes sah noch zu Beginn der 90er Jahre eine enge Verwandtschaft zwischen Eurhinodelphinidae und Squalodontidae. Aber in der Zwischenzeit hatte Christian de Muizon eine neue Systematik entwickelt:

Darin bilden, gemäß altbekannter Theorie, die Squalodonten und andere fossile Wale eine gemeinsame Gruppe mit dem heutigen Ganges- bzw. Indusdelphin. Dieser Gruppe (Überfamilie Platanistoidea) stehen nun die Delphinida gegenüber. Dazu zählen die Delphine und Tümmler etc., einschließlich Amazonas-, La-Plata- und Yangtse-Delphin. Zwischen beiden Gruppen siedelt Muizon als eigene Überfamilie die Eurhinodelphoidea an. Sie bestehen aus den Eurhinodelphinidae und den Eoplatanistidae aus dem Mittelmeerraum.

Von miozänen Süßwasser-Vertretern der Eurhinodelphinidae berichtet Robert Ewan Fordyce 1983 aus der Lake-Frome-Gegend Südaustraliens. Die weit verbreitete Familie ist auch von beiden Seiten Südamerikas belegt.

Derweil werden manche italienischen Formen, die als Eurhinodelphis beschrieben wurden, heute nicht mehr als Angehörige dieser Gattung anerkannt:

In Italien ist möglicherweise auch Schizodelphis longirostris (= „Eurhinodelphis longirostris“) vertreten.

Nachdem 1926 Hikoshichiro Matsumoto den Eurhinodelphis pacificus aus Japan vorgestellt hatte, erhob sich Zweifel an der Gattungszuordnung auch dieses Tieres. Auf der anderen Seite des Pazifiks wurde 1935 „Eurhinodelphis extensus“ als frühmiozäne Art aus Kalifornien aufgestellt. Dieses Taxon ordnete man später in die Synonymie von Argyrocetus joaquinensis ein.

Weitere Gattungen der Eurhinodelphinidae sind Ziphiodelphis aus dem Mittelmeer und Macrodelphinus, der aus Kalifornien bekannt ist und dessen Humerus 1935 zunächst einem Bartenwal zugeschrieben wurde.

Als 1975 die Bestimmung des Biemenhorster Zahnwals anstand, brachte die Presse neben Eurhinodelphis auch die Gattung Acrodelphis ins Gespräch und nannte sie dabei fälschlich „Arcodelphis“. Diese miozäne Gattung hatte Abel bereits 1899 beschrieben und 1905 zur Typusgattung einer eigenen Familie „Acrodelphidae“ gemacht. Die sollte in manchen Merkmalen den Eurhinodelphinidae ähneln, wobei aber die Unterkiefer und bezahnten Maxillae oft bis zur Schnauzenspitze reichen. (Daher 1975 vielleicht auch die übertriebene Bezahnung auf der Zeichnung des Pressebeitrags zum Bocholter Fund.) Christian de Muizon kam 1988 jedoch zu dem Schluss, dass die „Acrodelphidae“ gar keine natürliche Einheit darstellen, sondern Vertreter aus unterschiedlichen Familien umfassen und als Taxon unbrauchbar sind.

Daraufhin verschwanden die „Acrodelphidae“ auch bei so prominenten Autoren wie R. Ewan Fordyce und Lawrence G. Barnes aus den systematischen Übersichten. Das ist u.a. deshalb bemerkenswert, weil Abel seine "Acrodelphidae" als Stammgruppe mehrerer Walfamilien angesehen hatte, so auch der Eurhinodelphinidae.

Ein Acrodelphis-Wirbel aus Freetz ist in Bremervörde ausgestellt. Die hinteren Zähne dieser Gattung erinnern in ihrer Kronenform noch an urtümlichere Wale: Sie sind mit Nebenhöckern und einem gezähnelten Rand versehen. Ein möglicher Acrodelphis-Zahn wurde im Mai 2000 aus dem linksrheinischen Braunkohle-Tagebau Hambach (Hambach 6 C) beschrieben. Ein ähnlich aussehender Zahn stammt aus dem Mittelmiozän von Xanten-Hochbruch.

Zu den „Acrodelphidae“ zählte man klassischerweise die Gattung Schizodelphis (auch als „Cyrtodelphis“ beschrieben), die man in Anschluss an Muizon heute den Eurhinodelphinidae zuordnet. Bekannt ist hier vor allem die Art Schizodelphis sulcatus, deren Holotyp aus Südfrankreich stammt und deren Schädelzeichnung in Bremervörde ausgestellt ist. In dieser Gattung steht nun aber auch die Art, die früher als „Eurhinodelphis longirostris“ geführt wurde.

Skelettstudien Othenio Abels

In der Untersuchung des Skeletts von Eurhinodelphis cocheteuxi führt Abel 1909 einen neuen anatomischen Begriff ein, der ein Menschenalter später immer noch verwendet wird. Dabei geht es um eine Form des Übergangs von zweiköpfigen zu einköpfigen Rippen im Skelett:

Als „Merapophyse“ bezeichnet Abel einen solchen Wirbelfortsatz, der durch Abschnüren des Rippenhalses samt Rippenkopf von der Rippe und Verschmelzen dieses abgeschnürten Teils mit demjenigen Wirbelfortsatz (Parapophyse) entsteht, der normalerweise mit dem Rippenkopf eine Gelenkverbindung eingeht (artikuliert). Nun aber artikuliert an dieser Merapophyse der Rippenhöcker, der sich normalerweise mit der Diapophyse des Wirbels gelenkig verbindet.

Im Einzelnen treten bei Eurhinodelphis zahlreiche individuelle Variationen des Knochenbaus auf, wie es häufig bei Walen zu beobachten ist. So gibt es auch Sonderformen, bei denen sich z.B. an einem Wirbel Diapophyse und Merapophyse an ihren Enden verbinden und gemeinsam mit dem Rippenhöcker artikulieren. Gerade die individuellen Variationen sind es, die das Studium von Walskeletten so außerordentlich interessant machen. Zugleich haben sie es oft schwierig gemacht: Diese Variationen sind ein wesentlicher Grund dafür, dass in der Systematik ein undurchsichtiger Wust an Artnamen aufgehäuft wurde, die in Wirklichkeit vielfach nur Synonyme sind.

Der Riesenzahnhai

Othenio Abel belehrt uns auch über einen vermutlichen Fressfeind der Speerschnauzenwale. 1916, als die Soldaten dem Grauen des modernen, technisierten Krieges ausgesetzt sind, malt er seine Vision von der Begegnung Speer (-schnauzen) tragender Kleinwale mit dem monströsen Schrecken des Miozänmeeres: Carcharocles megalodon. Diesen Riesenzahnhai schätzt man heute auf eine Länge von 13 – 15 Metern. Zu Abels Zeit glaubte man jedoch an Längen von 20 – 30 Metern und nannte das Tier „Carcharodon megalodon, weil man es für einen gigantischen Vorläufer des heutigen Weißen Hais (Carcharodon carcharias) hielt.

Die Zähne des megalodon-Hais können bis über 17 cm lang sein und finden sich oft zusammen mit Walresten. Womöglich sind Fressfeinde wie er einer der Gründe dafür gewesen, dass viele Wale nun ihrerseits zu Riesenformen heranwuchsen, die nicht mehr so einfach zu verschlingen waren. In diesem Wettrüsten der Natur ist zu beobachten, dass auch der Hai im Verlauf des Miozäns an Größe zugenommen hat.

Das Motiv des Angriffs eines solchen Hais auf eine Gruppe Speerschnauzenwale wiederholt später eine Briefmarke der Insel Tristan da Cunha im Südatlantik. Dabei nimmt sich die schwarz-weiße Hautmusterung der Wale ein Vorbild an den heutigen südatlantischen Commerson-Delphinen (Jacobitas). Die bildende Kunst schuf 2003 gar eine Eurhinodelphis“ genannte Zeichnung, die Mischwesen aus Wal und Mensch zeigt. Ein Beleg dafür, dass die mystisch orientierte Beschäftigung mit Walen und Delphinen inzwischen auch bei fossilen Arten angekommen ist.

Literatur

Othenio Abel (1909): Das Skelett von Eurhinodelphis Cocheteuxi aus dem Obermiozän von Antwerpen. (= Cetaceenstudien, I. Mitteilung.) - Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse. 118. Bd., Abt. I: 241 – 253, 1 Taf. Wien.

Othenio Abel (1931): Das Skelett der Eurhinodelphiden aus dem oberen Miozän von Antwerpen. (= Dauphins longirostres du Boldérien [Miocène supérieur] des environs d´Anvers, III. Teil.) - Mémoires du Musée Royal d´Histoire Naturelle de Belgique, No 48. Brüssel.

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Giovanni Bianucci und Walter Landini (2002): Change in diversity, ecological significance and biogeographical relationships of the Mediterranean Miocene toothed whale fauna. - Geobios 35 (Mémoire special 24): 19 – 28.

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Ulrich Schliemann (1998): Von der Tongrube in die Ausstellung. Der lange Weg zu einem Großdiorama über Urzeitwale im Bachmann-Museum Bremervörde. – Zwischen Elbe und Weser Jg. 17, Nr. 4: 17 – 19. Stade.

Ulrich Schliemann (2000): Entschlüsselte Nachrichten aus der Urzeit der Wale. – Allgemeiner Haushaltungs-Kalender, 152. Jahrgang: 50 – 54. Stade.

Everhard Johannes Slijper (1936): Die Cetaceen. Vergleichend anatomisch und systematisch. - Capita Zoologica 7. Den Haag.

Everhard Johannes Slijper (1962): Whales. New York.


Museumsadressen in Deutschland

Für Eurhinodelphis cocheteuxi:

Stadtmuseum Bocholt
Osterstraße 66
46397 Bocholt
Internet: www.stadtmuseum-bocholt.de
Öffnungszeiten: Di – So: 11 – 13 Uhr und 15 – 18 Uhr. Do: bis 20 Uhr.

Für Schizodelphis longirostris:

Bachmann-Museum Bremervörde
Amtsallee 8
27432 Bremervörde
Telefon: (04761) 81-4603
Öffnungszeiten: Mo – Do: 8 – 12 Uhr und 14 – 16 Uhr. Fr: 8 – 12 Uhr. Sa – So: 14 – 16 Uhr.


Museumsadressen international

Calvert Marine Museum Internet: www.calvertmarinemuseum.com




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