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Die frühen Urwale Indopakistans

Ein Überblick über die wichtigsten Formen
und ihre Erforschung

von Johannes Albers
Kapitel 7

Palaeocetologie
Fossile Wale

bei Cetacea.de

Indocetus und die Remingtonocetidae

Der Schädel eines Remingtonocetiden von oben, von der Seite und von unten. Wale dieser Familie scheinen sich auf relativ kleine Beutetiere spezialisiert zu haben. Die Backenzähne erinnern bereits an höher entwickelte Urwale.(41)
Bildquelle: Thewissen


Bei der Untersuchung des Rodhocetus kasranii wurde sein Skelett mit verschiedenen anderen Urwalfunden verglichen. Darunter war eine Gruppierung fossiler Fundstücke, die man damals der Spezies Indocetus ramani zuordnete.(29) Diese Art war aus Indien bekannt. Aber der vermeintliche Indocetus-Vergleichsschädel in der Rodhocetus-Untersuchung stammte aus Pakistan und entpuppte sich im Nachhinein als ein anderes Exemplar von Rodhocetus kasranii.(31, 32) Wegen ihrer ähnlichen Schädel hat Mark Uhen 1999 Indocetus und Rodhocetus zu einer gemeinsamen Gruppe innerhalb der Protocetidae zusammengefasst.(33) Von Indocetus liegen auch natürliche Schädelausgüsse vor.(34) Bei Thewissen wird erwogen, ob beide Gattungen vielleicht tatsächlich synonym sind. (46)

Alle Funde aber, die es vermeintlich von Indocetus aus dem Rumpf- und Extremitätenbereich gab, wurden Mitte der 90er Jahre einer völlig anderen Urwalgattung zugeschrieben: Remingtonocetus. Das ist die Nominatgattung der Familie Remingtonocetidae. Die wurde 1986 eingerichtet, lebte vor 49 bis 43 Millionen Jahren in Pakistan und im Westen Indiens (etwa dort, wo heute der nördliche Wendekreis liegt), und stellt einen erloschenen Seitenzweig in der Evolution der Wale dar.(35) Die Schnauzen sind ungewöhnlich schmal und lang nach vorn ausgezogen. Dazu passt, dass auch die Halswirbel recht lang sind, die bei heutigen Walen eine starke Verkürzung erfahren haben. Die Augen erscheinen z.T. sehr klein und sind bei manchen Gattungen nach vorn gerichtet. Weit voneinander entfernt liegende Ohren begünstigen ein gutes Richtungshören. Dem steht entgegen, dass die Ohren noch sehr unvollkommen gegen Unterwasserschwingungen der Schädelbasis isoliert sind. So zeigt das Gehör einen interessanten Zwischenstand zwischen Landsäugern und heutigen Walen.(47) Die Hinterbeine verbinden sich mit einem Kreuz, das noch zum Landgang befähigte.

Eine Frühform dieser Familie, im Alter vergleichbar mit späten Pakicetidae und den Ambulocetidae, ist der 2000 beschriebene Attockicetus aus Pakistan, der noch sehr ursprüngliche Zahnmerkmale besitzt.(58) Attockicetus praecursor fraß zwar Meerestiere, war zugleich aber noch von der Aufnahme von Süßwasser abhängig.(59) Ebenfalls aus Pakistan kommen die größeren Arten Dalanistes ahmedi, im Alter mit Rodhocetus kasranii vergleichbar, und Remingtonocetus domandaensis. Aus Pakistan und Indien kennt man Remingtonocetus harudiensis. Dabei fasst man die Gattungen Remingtonocetus und Dalanistes zu einer Unterfamilie Remingtonocetinae zusammen. Ihr gegenüber steht die Unterfamilie Andrewsiphiinae, bestehend aus dem indischen Kutchicetus minimus und Andrewsiphius sloani aus Indien und Pakistan. Kutchicetus wurde 2000 als ein Wal beschrieben, der nur die Größe eines Otters erreichte.(36) Gingerich hielt ihn jahrelang für ein Synonym von Andrewsiphius sloani und wollte kein eigenes Taxon für ihn anerkennen.(45) Doch 2009 zeigten Thewissen und Bajpai, dass es sich trotz ähnlicher Schädel um zwei deutlich unterschiedene Formen handelt.(60)

Kutchicetus minimus, © Carl Buell, taken from www.neoucom.edu/Depts/Anat/Remi.html

Lebensbild von Kutchicetus minimus. Hände und Füße sind nicht sichtbar, da ihre Größe unbekannt ist. Illustration von Carl Buell.
Bildquelle: http://www.neoucom.edu/Depts/Anat/Remi.html.


Die Andrewsiphiinae hatten lange, abgeflachte Schwänze, aber keine breite Fluke. Es scheint, dass im Vergleich dazu der Schwanz bei Remingtonocetus kürzer und weniger muskulös war. Die Wirbelsäule ähnelt bei Kutchicetus, wie auch bei Ambulocetus, der eines Otters und dürfte sich entsprechend bewegt haben. Bei den Auf- und Abbiegungen gab es nicht nur einen, sondern zwei verschiedene Gipfelpunkte der Auslenkung: einen im Lendenbereich und einen im Schwanz. Ein solches Bewegungsmuster (bimodale Undulation) zeigt auch der Gavial, der ebenfalls eine besonders lange, schmale Schnauze trägt.

Langschnauzige Schwimmer wie Indocetus und die Remingtonocetidae müssen aus hydrodynamischen Gründen ihre Köpfe im Einklang mit dem Rumpf bewegen. Darin liegt wohl auch die Ursache für eine nun plötzlich aufkommende Verkleinerung der Bogengänge im Innenohr, die als Gleichgewichtsorgane dienen: So wird ein reflexhaftes Geraderichten des Kopfes unterbunden, das den Wal bei seinen Schwimmbewegungen bremsen würde.(37)

Versuchsweise als Kutchicetus minimus wurden fossile Walzähne aus einem indischen Braunkohlefeld bestimmt.(50) Das passt zu anderen Hinweisen darauf, dass der bevorzugte Lebensraum der Andrewsiphiinae Küstenzonen mit Sumpf- und Marschlandschaften waren. Weniger spezialisiert zeigten sich in dieser Hinsicht die Remingtonocetinae.

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