fossile Wale bei Cetacea.de - home

Deutschland holt alte Ägypter:
Protocetus, Eocetus und Co.

Deutsche Wal-Paläontologie in Ägypten
zu Beginn des 20. Jahrhunderts

von Johannes Albers (letzte Änderung: 04.10.2013 ) - Kapitel 3

 Kapitelübersicht:  1 |  2 |  3 |  4 |  Druckversion |     <--   Home

Palaeocetologie
Fossile Wale

bei Cetacea.de

Eocetus schweinfurthi

Zugleich mit Protocetus atavus beschrieb Eberhard Fraas einen anderen Wal, der aus etwas höheren Schichten des Mokattam stammte und heute ebenfalls in Stuttgart im Magazin liegt. Von ihm ist der Schädel erhalten, der mit über 90 Zentimetern Länge deutlich größer ist als der von Protocetus atavus. Diesen Wal nannte Fraas 1904 Mesocetus Schweinfurthi, nach dem Afrikaforscher Georg Schweinfurth. Mesocetus heißt "Mittelwal". Aber dieser Gattungsname war bereits 1880 durch van Beneden an einen fossilen Bartenwal vergeben worden. Deshalb sah Fraas sich genötigt, seinen Urwal umzubenennen: Noch im Jahre 1904 belegte er ihn mit dem neuen Gattungsnamen Eocetus, nach dem Erdzeitalter des Eozän, in dem der Wal vor rund 40 Millionen Jahren lebte.

Zu Eocetus schweinfurthi stellte Fraas 1904 zwei Lendenwirbel, die Richard Markgraf 1902 am Mokattam geborgen hatte und die heute auch im Stuttgarter Magazin liegen. Diese Wirbel hatte Ernst Stromer 1903 zur Gattung "Zeuglodon" (heute: Basilosaurus) gerechnet. In dieser Zuordnung bekam er 94 Jahre später Recht, als der Amerikaner Mark D. Uhen die Stücke 1998 der Art Basilosaurus drazindai zuschrieb. Diese Art war erst 1997 aus Pakistan beschrieben worden.

Auch zwei andere Lendenwirbel sind 1904 dem "Mesocetus", also Eocetus schweinfurthi, zugeordnet worden. Damit zeigte sich auch Uhen einverstanden. Diese beiden Stücke kamen in den Besitz des Naturmuseums Senckenberg in Frankfurt am Main, galten dort aber schließlich als verschollen. Uhen fand sie im Magazin des Stuttgarter Museums wieder. Dort waren sie anscheinend nach einer Ausleihe irgendwann einfach liegen geblieben. 2013 schließlich erschien eine Studie der ukrainischen Forscher Pawel Gol'din und Eugenij Swonok mit einer überraschenden Neuerung: Sie ordneten die beiden Wirbel ihrer neu aufgestellten Gattung Basilotritus zu, einem nahen Verwandten von Basilosaurus.

Diese Neubestimmung vollzog sich im Rahmen einer umfassenderen Revision: Eocetus war in der Forschung lange Zeit hindurch fast vergessen gewesen, bis Uhen 1999 eine zweite, angebliche Eocetus-Art aus den USA beschrieb, die er Eocetus wardii nannte. Die Gattungsbestimmung stützte sich vor allem auf den Vergleich mit den wiedergefundenen Wirbeln vom Mokattam. In der Folgezeit wurde noch mehr Material Eocetus zugeschrieben, so 2008 ein Wirbel aus Rohrdorf in Bayern. All dieses Material, einschließlich der wardii-Art, wird nun aber zu der neuen Gattung Basilotritus gerechnet. Denn es ähnelt dem neu beschriebenen Basilotritus uheni aus der Ukraine, während die Zuordnung der Mokattam-Wirbel zum Schädel des Eocetus schweinfurthi rein willkürlich erfolgt war. Somit scheint der 1999 aufgekommene Eocetus-Boom vorbei zu sein. Aber der Name Basilotritus uheni ehrt den Forscher, der auf die Spur einer bis dahin unerkannten Gattung gekommen ist.

-> Teil 4/4



Schädel des Eocetus schweinfurthi

Der Schädel des Eocetus schweinfurthi im Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart. Das empfindliche Stück liegt auf dem Rücken und wird abgepolstert. Es ist nicht öffentlich ausgestellt.
Bild: Johannes Albers