Deutschland holt alte Ägypter:
Protocetus, Eocetus und Co.

Deutsche Wal-Paläontologie in Ägypten
zu Beginn des 20. Jahrhunderts

von Johannes Albers

fossile Wale bei Cetacea.de

Deutschland holt alte Ägypter

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Wale aus dem Fayum

1904 rechnete Eberhard Fraas zu seiner neuen Gattung Protocetus fälschlich auch Reste einer anderen, etwas späteren Walart aus dem Eozän des Fayum. Sie gehörte zur Ausbeute einer Ägypten-Expedition Max Blanckenhorns und Ernst Stromers von Januar bis März 1902. Stromer beschrieb sie 1903 unter dem Namen Zeuglodon Zitteli. Dabei benannte er sie nach seinem akademischen Lehrer Karl Alfred von Zittel, der ebenfalls schon in Ägypten tätig gewesen war und im Jahre 1904 verstarb. Die vermeintliche zitteli-Art rechnet man heute zu einer anderen Art, die den wichtigsten Fayum-Fund der Expedition von 1902 stellte:

Es war der Schädel einer Walart, die damals Zeuglodon Osiris hieß (später: Dorudon osiris; heute: Saghacetus osiris). Gegründet war die Art ursprünglich nur auf einen Unterkieferast und Bruchstücke der Zwischenkiefer. Diese Teile hatte Georg Schweinfurth 1886 aufgesammelt, beschrieben wurden sie 1894 durch Wilhelm Barnim Dames. Nun also konnte Stromer den Schädel bekannt machen. Heute besitzt das Stuttgarter Museum sogar ein weithin erhaltenes Skelett und einen weiteren Schädel, den Richard Markgraf im Jahre 1907 sammelte. An diesem Schädel wurde eine seitliche Knochenwand so entfernt, dass man nun die Ausfüllungen ehemaliger Schädelhöhlen beobachten kann. Dabei wird deutlich, dass das Tier noch einen gut ausgebildeten Riechnerv besaß. Bei heutigen Walen ist das Riechvermögen zurückgebildet.

Ein Teil der Fossilien aber, die Stromer in der folgenden Zeit "Zeuglodon Osiris" zuordnete, wurde später als eigene Art abgetrennt. Stromer selbst erlebte es, als sie 1928 Prozeuglodon stromeri und 1936 Dorudon stromeri genannt wurde. Heute hat man sie der Art Dorudon atrox einverleibt.

Stromer startete im November 1903 eine zweite Reise nach Ägypten, die drei Monate dauerte. Sie führte ihn u.a. in das Fayum und zum Mokattam, wo zu den neu gefundenen Walfossilien die erwähnten "Mesocetus"-Wirbel gehörten. Auf dieser Reise ließ Stromer sich von dem "tüchtigen Sammler" Markgraf begleiten, der ihm "mit großem Eifer und mit Ausdauer sehr gute Dienste geleistet hat", wie Stromer im Bericht der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft bezeugt.

Übrigens wurde Markgraf 1904 durch den württembergischen König mit einer Verdienstmedaille ausgezeichnet. Auch die bayerische Akademie der Wissenschaften ehrte ihn, der als ein Sammler sonst meistens in den Schatten der berühmten Gelehrten zurücktreten musste. Immerhin wurde sein Name verewigt, als ein Fayum-Primat Moeripithecus markgrafi genannt wurde. Wie wichtig Richard Markgraf tatsächlich für die Gelehrten war, erlebte Eberhard Fraas bei seiner neuen Ägypten-Expedition im Jahre 1906: Während Fraas seine Anreise über das Mittelmeer wegen Schiffsschadens unterbrechen musste, erledigte Markgraf von Kairo aus alle organisatorischen Vorbereitungen. Im März schließlich zogen beide mit angeworbenen Beduinen und Dromedaren ins Fayum. Dort gehörte zu ihrer Ausbeute u.a. ein obereozäner Walschädel von ca. 1,30 Metern Länge. Er stammte von einem Basilosaurus isis, damals Zeuglodon Isis genannt. Die Bedeutung eines solchen Fundes erschließt sich schon dadurch, dass die offizielle Erstbeschreibung dieser Art durch den Briten Charles William Andrews erst in demselben Jahr 1906 erschien.

Wie ergiebig das Fayum noch bis in unsere Tage ist, verdeutlicht die Tatsache, dass erst 1996 eine neue eozäne Walart von dort beschrieben wurde: Ancalecetus simonsi, verwandt mit der Gattung Dorudon. Während aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wichtigsten Walfunde von Deutschen und Briten gemacht und bearbeitet wurden, sind die Dominierenden heute die Amerikaner.

Wichtiges Material, das zu Stromers Zeit nach München gekommen war, wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Stuttgart hingegen rettete seine Fossilien durch rechtzeitige Auslagerung. Erhalten ist auch Material in Frankfurt und Berlin.




Niederungslandschaft des Fayum

Ausblick auf die Niederungslandschaft des Fayum. Zur Tertiärzeit gab es hier Meer und die Mündung des Urnils. Der Fayum-Distrikt enthält Fossillagerstätten von Weltrang. Hier fand man u.a. die Wale Basilosaurus isis und Saghacetus osiris, benannt nach ägyptischen Gottheiten.
Bild: Peter Albers




Schädel von Saghacetus osiris

Schädel von Saghacetus osiris im Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart. Teilweise ist das umgebende Gestein erhalten, dafür eine seitliche Knochenwand abgelöst. Der Schädel ist nicht öffentlich ausgestellt. Aufgesammelt hat ihn Richard Markgraf 1907 im Fayum, wo er 1916 starb.
Bild: Johannes Albers