Schnabelwale koordinieren Tieftauchgänge, um Schwertwalen auszuweichen

von JH | cetacea.de | Wittmund | 9. Februar 2020

Gruppen von Schnabelwalen reduzieren das Risiko einer Schwertwalattacke durch extreme Tauchsynchronisation berichtet eine Studie im Fachmagazin Scientific Reports. Dieses Verhalten ist von anderen tief tauchenden Walen nicht bekannt. Damit erweisen sich Schwertwale einmal mehr als Evolutionstreiber für andere Walarten.

Die Tauchstrecken zweier Blainville-Schnabelwale auf Nahrungssuche zeigt die Synchronisation ihrer Bewegungen. Beide sind in der gleiche Gruppe besendert worden. Die farbigen Strecken zeigen die Jagdphasen unter Einsatz des Biosonars, während die hellen Strecken die Fortbewegung ohne Echolokation zeigen. 
Die blauen Balken links zeigen in welcher Tiefe 14 besenderte Blainville-Schnabelwale wie viele Klicks erzeugt haben. Das bestätigt, dass die Schnabelwale in einer Tiefe bis zu 200 Metern still sind. Dies ist die Wassertiefe in der Schwertwale normalerweise auf Jagd gehen. In einer mittleren Tiefe von 760 m beginnen Cuvier- und Blainville-Schnabelwale einen stillen Aufstieg. Sie steigen in einem flachen Winkel (Mittelwert 35° auf die Horizontale bezogen) auf. Die Aufstiegsrichtung ist nicht vorhersehbar aber immer koordiniert. Die lautlos zurückgelegten Strecken beim Auftauchen betragen etwa 1000 Meter horizintale Distanz von der letzten Stelle mit Lautäußerung. Der blaue Kegel zeigt diese Entfernung in der Graphik.
Graphik adaptiert von J. Herrmann nach Aguilar de Soto et al. 2020

Natacha Aguilar de Soto und Kollegen von den Universitäten von La Laguna, Teneriffa, Amsterdam, Utrecht, St Andrews und Aarhus analysierten Daten von 26 Cuvier- und Blainville-Schnabelwalen. Die Wale trugen Sensoren, die mit Saugnäpfen befestigt worden waren. Sowohl die Tauchtiefe, den Abtauchwinkel als auch die Lautäußerungen wurden aufgezeichnet. Die Autoren beobachteten, dass die Wale eng koordinierte Tieftauchgänge durchführten, um nach Beute zu suchen. Dabei machten die Schnabelwale in der Dunkelheit der Tiefsee Gebrauch ihres Biosonars. In geringen Tiefen, wo eine Gefahr durch Schwertwale bestand, waren die Vokalisationen deutlich geringer und weniger laut. Die Schnabelwale begannen in einer Tiefe von durchschnittlich 450 Metern Laute auszusenden und suchten dann einzeln nach Nahrung. In einer Wassertiefe von ca. 750 Metern versammelten sich die Wale und stiegen als Gruppe in einem flachen Winkel schweigend zurück an die Wasseroberfläche. Dabei legten sie eine durchschnittliche horizontale Distanz von einem Kilometer zurück.

Schwertwale austricksen

Schwertwale können nach TOWERS et al. (2018) zwar Fisch von Langleinen bis zu 1000 Meter Tiefe stehlen, aber normalerweise halten sich die bis zu zehn Meter langen Raubtiere nur in geringen Wassertiefen auf. Die Autoren vermuten, dass die Schnabelwale den Orcas auf zwei Weisen eine Verfolgung erschweren. 

  1. Duch die Beschränkung der Vokalisierung auf Tiefen ausserhalb der Reichweite von möglichen Angriffen durch Schwertwale und 
  2. das Auftauchen an unvorhersehbaren Stellen.

Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass diese Strategie kostspielig ist. Lange, stille Aufstiege von Tauchgängen, die mehr als eine Stunde dauern, reduzieren die Nahrungssuche um etwa 35% im Vergleich zu den Tauchstrategien anderer Zahnwale.

Schwertwale als Evolutionstreiber

Die Ergebnisse deuten einmal mehr darauf hin, dass Schwertwale eine starke evolutionäre Kraft auf andere Wale gewesen sein könnten. Schweinswale haben womöglich zum Schutz vor Orcas den Schwerpunkt ihrer Vokalisation außerhalb der Hörfähigkeit von Orcas entwickelt (ANDERSEN und AMUNDIN, 1976). Die Social Units bei Pottwalen mit der einzigartigen sozialen Schutzfunktion des Pottwalnachwuchses haben sich wahrscheinlich unter dem Druck von Schwertwalattacken geformt (CURE et al., 2013). Und bei Schnabelwalen kann man nun vermuten, dass die Entwicklung dieses einzigartigen Tauch- und Vokalisationsverhaltens vorangetrieben worden ist.

Auf Basis einer Pressemitteilung von nature.com (Sarah McClenaghan). Übersetzt, adaptiert und erweitert von J. Herrmann.

Besprochene Studie:

AGUILAR DE SOTO, N., F. VISSER, P. L. TYACK, J. ALCAZAR, G. RUXTON, P. ARRANZ, P. T. MADSEN und M. JOHNSON (2020):
Fear of Killer Whales Drives Extreme Synchrony in Deep Diving Beaked Whales.
Scientific Reports 10(1): 
<http://dx.doi.org/10.1038/s41598-019-55911-3>

Weitere Literatur

ANDERSEN, S. H. und M. AMUNDIN (1976):
Possible predator-related adaptation of sound production and hearing in the harbour porpoise (Phocoena phocoena).
Aquatic Mammals 4(2): 56-57.
https://www.aquaticmammalsjournal.org/share/AquaticMammalsIssueArchives/1976/Aquatic_Mammals_4_2/04-02_Andersen.pdf

CURE, C., R. ANTUNES, A. C. ALVES, F. VISSER, P. H. KVADSHEIM und P. J. O. MILLER (2013):
Responses of male sperm whales (Physeter macrocephalus) to killer whale sounds: Implications for anti-predator strategies.
Scientific Reports 3(1579): 1-7.

TOWERS, J. R., P. TIXIER, K. A. ROSS, J. BENNETT, J. P. Y. ARNOULD, R. L. PITMAN und J. W. DURBAN (2018):
Movements and dive behaviour of a toothfish-depredating killer and sperm whale.
ICES Journal of Marine Science 76(1): 298-311.

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