Wale mussten sterben, um Menschen zu töten

von Kersten & Entrup | FR | Frankfurt | 4. Oktober 2000

Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass das den Hochseewalfang des 20. Jahrhunderts dominierende Norwegen arm an eigentlichen Walfangtraditionen ist. Die Fischer an der nordnorwegischen Küste standen vielmehr Walfangaktivitäten mit einer in der gewaltsamen Zerstörung der Walfangstation Mehavn im Jahre 1903 kulminierenden Ablehnung gegenüber. Erst die schwierige Versorgungslage nach Ende des 1. Weltkriegs sowie der Bedarf für Walfleisch als billiges Futter in Pelztierfarmen haben ab etwa 1920 zu einer verstärkten Akzeptanz von Walfangaktivitäten geführt. Diese sind allerdings durch den norwegischen Walfanghistoriker Risting bereits 1932 zutreffend als Teil des industriellen Walfangs und nicht etwa als traditioneller Walfang aus Subsistenzgründen charakterisiert worden.

Was seinen Ursprung in der Beschreibung der zu bejagenden Walspezies im Rahmen kommerzieller Fangaktivitäten hat, wird in weiterer Folge irreführend als „traditioneller Küstenwalfang“ bezeichnet. Dies wird Instrument einer Lobby, deren vielleicht bekanntester Vertreter die High North Alliance ist. Diese NGO (Non Governmental Organisation) ist aus der 1990 in Lofoten, Norwegen, gegründeten Organisation „Survival of the High North“ hervorgegangen. Als Reaktion auf den zunehmenden internationalen Druck zur Einstellung der Walfangaktivitäten tritt die u. a. von der norwegischen Regierung finanziell unterstützte Organisation für eine Nutzung der maritimen Ressourcen ein. Der Erreichung der Ziele dient die Vermarktung eines Images traditioneller Aktivitäten, ausgeführt von kleinen Fischergemeinden in Küstengewässern, womöglich mit kleinen Booten.

Im Bericht zur 45. Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) im Jahr 1993, jenem Jahr in dem Norwegen sich erstmals seit Inkrafttreten des Moratoriums eine Quote für kommerziell zu bejagende Zwergwale zuerteilt, wird ein Delegierter Norwegens wie folgt zitiert: „Er betont erneut, dass der traditionelle Küstenwalfang (. . .) sich grundsätzlich vom kommerziellen Walfang wie dieser ursprünglich durchgeführt wurde unterscheidet. Norwegen möchte Walfang jener Art ermöglichen, bei der kulturelle und subsistenzielle Notwendigkeit gegeben ist.“

Tatsächlich wird der kommerzielle Walfang wieder aufgenommen, ohne jedoch die Produkte der getöteten Tiere auch nur annähernd am nationalen Markt absetzen zu können. Die seit dem Moratorium bis zu diesem Zeitpunkt als „wissenschaftlich“ deklarierten norwegischen Walfangaktivitäten, werden nun zwar offiziell als kommerziell bezeichnet. Eingebettet in den Mantel der Tradition, wird jedoch zugleich der wahre Charakter verschleiert. Der selbst definierte Begriff „traditioneller Küstenwalfang“ umfasst eigentümlicherweise Aktivitäten in den mehreren hundert Seemeilen entlegenen Gebieten vor Grönland, in der Barents-See, vor Spitzbergen, in der Nordsee etc.

Blickt man nun auf die Entwicklung der Internationalen Walfangkommission (IWC) und die Positionierungen der Mitgliedsstaaten innerhalb des vergangenen Jahrzehntes zurück, so hat es den Anschein, dass die Rechnung der Walfanglobby für diese erfolgsversprechend ist. Dies ist jedoch nicht lediglich an der Tatsache zu erkennen, dass die Fangaktivitäten andauern und die Anzahl der getöteten Tiere ansteigt, sondern vielmehr an der Diskussion über eine mögliche Umsetzung eines Bewirtschaftungsverfahrens von Walbeständen oder sogenannten Kompromissvorschlägen, die Walfangaktivitäten in Küstengewässern wieder zulassen sollen.

In den 90er Jahren hat auch die Regierung der Bundesrepublik eine solche Politik mitgetragen. Dies basierte auch auf jener Argumentation, die wir eingangs erläutert haben. So enthält der 1996 verfasste Bericht der Deutschen Bundesregierung an den Bundestag folgenden Passus über die Beurteilung der norwegischen Interessen: „Die Norweger betrachten das Recht auf Walfang nicht vorrangig unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Sie bestehen auf ihrem Recht der verantwortungsbewussten Nutzung der Meeresschätze einschließlich der Wale als Bestandteil des Umfeldes und der Kultur an der norwegischen Küste. Es handelt sich um einen von Fischerfamilien getragenen Küstenwalfang kleinen Umfangs, der überwiegend in entlegenen Regionen nördlich des Polarkreises (Lofoten, Finnmark) betrieben wird.“

Hat Deutschland zu diesem Zeitpunkt eine Politik eingeschlagen, die den Interessen der Walfangnationen entgegenkommen sollte, so gibt es unserer Ansicht nach vermutlich kaum ein besseres Beispiel als die Bundesrepublik selbst, um das Argument der „Tradition“ auf sein Fundament hin zu hinterfragen. Wie verhält es sich eigentlich mit der deutschen Walfangtradition? In wie weit hat die Involvierung Deutschlands zu der bedenklichen Situation der weltweiten Walbestände beigetragen? Können wir anhand der deutschen Walfangtradition Paralellen zu jener Norwegens ableiten? Werfen wir einen genaueren Blick auf die Fakten.