Wale mussten sterben, um Menschen zu töten

von Kersten & Entrup | FR | Frankfurt | 4. Oktober 2000

1. Hamburg wird größter deutscher Walfanghafen

Auf Entdeckerfahrten im Nordatlantik folgende Berichte über reiche Walbestände führen 1611 zur Ausrüstung der ersten britischen Walfangexpedition nach dem durch den Holländer Barents entdeckten Spitzbergen. Die Holländer selbst folgen ein Jahr später. Sie bedienen sich dabei der Fachkenntnisse der bis dahin ein Monopol auf den Walfang im Atlantik innehabenden Basken. Nachdem die französische Krone zur Mitte des 17. Jahrhunderts den Basken die Teilnahme an den holländischen Walfangaktivitäten untersagt, haben die Holländer in den Nordfriesen seetauglichen und tüchtigen Ersatz gefunden. Diese wiederum, durch die Abnahme der Heringsbestände und die Verwüstung der norddeutschen Küste 1634 durch die Buchardiflut in die Krise geraten, finden in dem Angebot einen willkommenen Ausweg. Die bislang wenig bejagten Walbestände liefern gute Fangergebnisse und der Walfang expandiert.

Größter deutscher Walfanghafen wird Hamburg. Die erste Ausfahrt von hier auf den Walfang ist für 1643 belegt; 6000 weitere werden bis ins 19. Jahrhundert folgen. Diese Periode hat die Kultur an der deutschen Nordseeküste in erheblichem Umfang geprägt und ist als Zeitalter der Grönlandfahrt in die lokale Geschichte eingegangen.

Volksbräuche aus dieser Zeit, wie das einst der Verabschiedung der Walfänger im Februar dienende Entzünden von Leuchtfeuern auf den nordfriesischen Inseln, „Biikebrennen“ genannt, oder das die Übernahme des Inselregiments durch die heimkehrenden Walfänger von ihren daheim gebliebenen Frauen symbolisierende „Klaasohmfest“ auf der Insel Borkum, haben bis heute überdauert. Wale oder Walfangschiffe finden sich in den Gemeindewappen von Borkum, List auf Sylt und Elmshorn bei Hamburg. Wer sehenden Auges das Land durchstreift, findet mancherorts noch als Baumaterial oder Statussymbol verwendete Walknochen.

Bevorzugte Beute der Walfänger sind zunächst die langsam schwimmenden Glattwale, insbesondere der Grönlandwal. Die harm- und arglosen Tiere haben ihren Peinigern wenig entgegenzusetzen. Die getöteten Wale treiben an der Wasseroberfläche und ergeben eine hohe Ausbeute an Tran und „Fischbein“, den Barten. Genau die richtige Beute also, wie der englische Name „right whale“ bis heute belegt.

Eine besonders perfide und für die Bestände verheerende Jagdmethode war es, Walmütter mit ihren Kindern anzugreifen. Die Walfänger hatten schnell gelernt, dass die Mutter ihr leidendes Kind nicht im Stich lässt und es somit genügte, das Kind zu verletzen um ohne großen Aufwand auch die Mutter töten zu können. Die „Walfischtür“ in der Kirche der Hallig Hooge zeugt mit der Darstellung einer Walmutter mit ihrem Kind von dieser Jagdmethode.

Manch schriftliches Zeugnis aus dieser Zeit ist erhalten. Interessant sind dabei vor allem auch Grabinschriften, wie diese auf den nordfriesischen Inseln zu finden sind. Die „sprechenden Grabsteine“ geben die Lebenswege zahlreicher Kapitäne von Walfangschiffen wieder. So steht der Grabstein des „Glücklichen Matthias“, der seinen Beinamen der Tatsache, 373 Wale erlegt zu haben, verdankte, bis heute auf dem Friedhof in Süderende auf der Insel Föhr.