Wale mussten sterben, um Menschen zu töten

von Kersten & Entrup | FR | Frankfurt | 4. Oktober 2000

4. Mit dem Nationalsozialismus zurück zur Waljagd

Die Lage verändert sich 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Stehen diese zunächst einer deutschen Walfangbeteiligung durchaus skeptisch gegenüber, so schaffen sie doch mit der Einführung planwirtschaftlicher Elemente die Voraussetzungen für den Aufbau deutscher Walfangflotten. Durch die Devisenbewirtschaftung stehen nur mehr eingeschränkte Mittel zum Ankauf des Rohstoffs Walöl gegen Devisen im Ausland zur Verfügung. Mehr noch als die Margarine-Industrie sind die Seifenhersteller hiervon betroffen.

Es ist dann auch der Henkel-Konzern, der als erster die Pläne zum Aufbau einer Walfangflotte in die Tat umsetzt. Mit dessen Mutterschiff „Jan Wellem“ ist Deutschland in der Fangsaison 1936/37 erstmals beim Antarktis-Walfang dabei. Praktisch zeitgleich wird der Margarinehersteller Walter Rau aktiv. Im Gegensatz zu Henkel entscheidet man sich anstelle eines Umbaus für einen Schiffsneubau und ist so erst ab 1937, dafür aber mit höherer Beute, in der Antarktis präsent.

Ein weiteres Element nationalsozialistischer Wirtschaft ist der auf ausländische Unternehmen ausgeübte Zwang, in Deutschland erzielte Gewinne auch wieder hier zu investieren. So setzt der britisch-holländische Unilever-Konzern, weltgrößter Abnehmer von Walöl, ab 1937 eine weitere Walfangflotte „Unitas“ unter deutscher Flagge ein. Man erreicht hiermit den angenehmen Nebeneffekt, das Preisdiktat des schon erwähnten Trusts der britisch-norwegischen Fanggesellschaften zu lockern. In der antarktischen Fangsaison 1938/39 ist Deutschland mit sieben Fangflotten vertreten. Zu den bereits erwähnten gesellen sich vier weitere, von Norwegen angekaufte bzw. gecharterte Flotten des Hamburger Walfang-Kontors, eine Gründung des Deutschen Ölmühlenkonsortiums, welches wiederum in Abhängigkeit von Unilever steht.

Weitere Ausbaupläne für die Fangsaison 1939/40 kommen infolge des Ausbruchs des zweiten Weltkriegs nicht mehr zur Verwirklichung. Die vorhandenen Fangflotten werden in Dienst der Marine gestellt, die Fangboote als Vorpostenboote und U-Boot-Jäger, die Walkochereien als Versorgungsschiffe. Zugleich werden auf den Werften des besetzten Norwegens Neubauten für die Marine erstellt, die von vornherein für eine Nachkriegsverwendung beim Walfang bestimmt sind. Diese haben sie, soweit sie den Krieg überstanden, auch gefunden, nicht unter deutscher und zum Leidwesen der Norweger auch nicht unter deren Flagge, sondern für britische Fanggesellschaften.

Die deutsche Propaganda hat den Walfang als nationales Unternehmen dargestellt, um vom Ausland unabhängig zu werden. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Deutschland blieb Hauptabnehmer von Walöl im Ausland. Den deutschen Walfangflotten dieser Zeit fallen gut 15 000 Großwale, überwiegend Blau- und Finnwale, zum Opfer.