Whale and Dolphin Magazine herausgegeben von Rachel Saward (2004)

von | | | 21. Dezember 2004

Magazinbesprechung von JAN HERRMANNCover Whale and Dolphin Magazine

Seit Mitte des Jahres haben Naturfreunde in Europa eine neue Informationsquelle zur Beschäftigung mit den Walen. Das Whale and Dolphin Magazine ist Ende April mit der ersten Ausgabe erschienen. Ende Juni folgte die zweite Ausgabe. Wir nehmen die Gelegenheit wahr und schauen uns an, ob dieses Magazin auch für Leser im deutschsprachigen Raum etwas zu bieten hat.

Die Zeitschrift hat 52 durchgängig vierfarbige Seiten. Mit einer Größe von etwa 24,5 x 16,5 cm liegt sie zwischen den Standardgrößen DIN A4 und A5 und damit gut in der Hand. Zahlreiche Abbildungen machen Lust auf’s Losschmökern. Zunächst ein Blick in die Themenauswahl des ersten Heftes:

Das Whale and Dolphin Magazine erschien 6 mal jährlich. Herausgegeben von Rachel Saward. ISSN: 1743-6966 Ein Einzelheft kostete £ 2,20 (ohne Versand), Ein Abonnement (Europa) kostete € 29,00. WD Magazine PO Box 134 Tunbridge Wells Kent TN2 Email: contact@WDmag.co.uk Internet: www.wdmag.co.uk
Das Whale and Dolphin Magazine erschien 6 mal jährlich. Herausgegeben von Rachel Saward.
ISSN: 1743-6966
Ein Einzelheft kostete £ 2,20 (ohne Versand), Ein Abonnement (Europa) kostete € 29,00.
WD Magazine
PO Box 134
Tunbridge Wells
Kent TN2
Email: contact@WDmag.co.uk
Internet: www.wdmag.co.uk

Walgetümmel in britischen Gewässern

Die erste Ausgabe beginnt mit einem Gasteditorial von Mark Carwardine, der vor allem durch seine Bestimmungsbücher, aber auch durch seine Zusammenarbeit mit Douglas Adamsbekannt ist. Er stellt verwundert fest, dass er sich zu den entlegensten Ecken der Welt aufgemacht hat, um Wale zu beobachten, dabei aber jahrelang etwas ganz Wesentliches übersehen hat. Ihm sei nie bewusst gewesen, wie reich an Walen und Delphinen seine Heimat sei. Nun musste er erkennen, dass die britischen Gewässer Lebensraum für fast 30 Walarten sind und es hier viele Orte gibt, an denen man sie hervorragend beobachten kann. Er gelobt Besserung und entlässt den Leser in eine kleine Rundtour durch die britische Welt der Wale.

Der redaktionelle Teil des Heftes wird mit aktuellen Nachrichten aus aller Welt eröffnet: Aufsehen erregende Strandungen, Einzelschicksale von Walen, fischereipolitische Entwicklungen und Aufrufe von Walschutzorganisationen sind hier in knappen Berichten zu finden. Eine nützliche Übersicht, für diejenigen, die bei wichtigen Ereignissen „am Ball bleiben“ wollen.

Der Naturphotograph Gavin Parsons beschreibt wie sein Titelbild für die erste Ausgabe des Whale and Dolphin Magazine entstanden ist. Seine Formel für erfolgreiche Wildlife-Photographie lautet: 10% Talent, 20% Glück und 70% Warten. Er erklärt ausführlich, wie er die zwei Grossen Tümmler in der Welle auf Film bannen konnte und da wird deutlich, dass er den Prozentanteil für besonderen Einsatz in seiner Formel vergessen hat. Sein zweites besprochenes Bild, ein Portrait eines Grossen Tümmlers, ist entstanden, als dieser vor seiner eigenen Neugierde und scheinbaren Vorliebe für Bootspropeller gerettet werden sollte.

Die Wal-Spezialistin Caroline Weir fasst auf drei Seiten die besonderen Wal-Sichtungen aus dem Jahr 2003 zusammen. Dabei geht sie Monat für Monat durch das Jahr. In dieser Zusammenstellung wirkt das cetaceische Treiben an den Küsten der britischen Inseln sehr beeindruckend. Pádraig Whooley von der Irish Whale and Dolphin Group organisiert den folgenden Artikel über Sichtungen um die irische Insel nach Spezies und beschreibt wann Finn-, Buckel-, Zwerg- und Schwertwale, Gemeine Delphine, Risso-Delphine und Große Tümmler gesichtet worden sind.

Selbstdarstellungen

ACHTUNG, das Whale and Dolphin Magazine wurde im Jahr 2006 leider eingestellt. Es können keine Hefte mehr bestellt werden. 

Selbstdarstellungen sind journalistisch problematisch. Es ist immer vertrauenswürdiger, wenn externe Berichterstatter gefunden werden, um Vereine zu portraitieren oder kommerzielle Unternehmen vorzustellen. Das Whale and Dolphin Magazine hat die mögliche Gefahr einer „Selbstbeweihräucherung“ nicht gescheut und Organisationen zu Selbstportraits eingeladen. Die folgenden Artikel im Whale and Dolphin Magazine sind also weniger als unabhängige Texte sondern als Vorstellungen aus dem Inneren von Organisationen zu verstehen. Ich kann vorausschicken, dass ich in keinem Fall den Eindruck gewonnen habe, dass die Gelegenheit schamlos ausgenutzt wurde. In vielen Fällen ist durchaus Selbstkritisches zu lesen.

Heft 2: Titelthema Norwegische Schwertwale. Ausserdem mit Berichten über die Baja California, Bootsverkehr, Wal-Akustik und vielem mehr
Heft 2: Titelthema Norwegische Schwertwale. Ausserdem mit Berichten über die Baja California, Bootsverkehr, Wal-Akustik und vielem mehr

Der Biologe Charles Anderson betreibt ein kleines Whale Watching Unternehmen auf den Malediven und beschreibt, wie paradiesisch dieses Gebiet für Taucher und Walbeobachter ist. Anderson preist nicht das eigene Unternehmen, sondern die phantastischen Sichtungs-Bedingungen auf den Malediven. Diverse gute Kritiken, unter anderem von Mark Carwardinebescheinigen Charles und Sue Anderson die Verlässlichkeit.
Im Anschluß berichtet Alan Knight, Chairman der British Divers Marine Life Rescue (BDMLR) über die Entstehung und Arbeit seiner Organisation. Dabei scheut er sich auch nicht von anfänglichen Mißerfolgen bei Rettungsversuchen gestrandeter Meeressäuger zu erzählen. Mittlerweile rückt die BDMLR bis zu 100 Mal pro Jahr zu Rettung von Meeressäugern aus und ist mit 20 aufblasbaren Walrettungspontons ausgestattet.

Die dritte Selbstdarstellung übernimmt Pádraig Whooley, der als Geschäftsführer der Irish Whale and Dolphin Group (IWDG) seine Organisation vorstellt. Die IWDG hat sich dem Schutz und der Erforschung der irländischen Wale verschrieben.

Zwischendrin findet sich dann eine „Verschiedenes“ Rubrik, die auf drei Seiten über Aktionen von Walschutzorganisationen, Filme, Projekte, wissenschaftliche Publikationen und Seminare informiert.

Die unermüdiche Caroline Weir stellt ein weiteres Whale Watching Highlight der britischen Inseln vor. Auf den Shetland Islands können einem Schwertwale ins Blickfeld geraten, wenn man seine Einkäufe im Auto verstauen möchte. Der Supermarktparkplatz ist der exklusivste Beobachtungsort um eine der 22 um die Shetland Inseln vorkommenden Walarten zu sichten. Dieser Artikel liefert weitere Tipps zum Whale Watching vom Land und vom Wasser aus.

Andy Williams, Leiter und Forschungsdirektor des Biscay Dolphin Research Programme (BDRP) stellt den Versuch seiner Organisation vor, Whale-Watching und Forschung zu kombinieren. Dabei diskutiert er die Problematik auch die Gewässer mit häufigen Nicht-Sichtungen berücksichtigen zu können.

Der Filmer, Illustrator und Schnabelwalexperte Phil Coles stellt die Sowerby-Zweizahnwale vor und startet damit eine Serie von Wal-Portraits.

Zum Schluss listet ein Kalender Vorträge, Kurse und Aktionen in Großbritannien auf. Gavin Parsons berichtet von der Strandung eines Pottwals und portraitiert die beiden schottischen Strandungskoordinatoren Bob Reid und Tony Patterson von der SAC Veterinary Science Division. Caroline Weir schliesst die erste Ausgabe mit dem Bericht über eine Sichtungsfahrt im Golf von Mexiko, die aus viel Wind und wenig Sichtungen bestand.

Ich spare es mir nun, auch die zweite Ausgabe so detailliert vorzustellen. Es sind auch hier längere Texte (Norwegische Schwertwale, Baja California, Bootsverkehr, Wal-Akustik) inmitten von zahlreichen kürzeren Berichten über Sichtungen, Whale Watching und anderen Neuigkeiten zu finden. Neu hinzugekommen ist hier eine Rubrik mit Besprechungen von CD-ROMs und Büchern.

Kompetenz in Sachen Wal

Die Artikel sind niemals zu lang, maximal Vierseiter. Trotzdem sind sie fundiert, in jedem Falle bereichernd und angenehm zu lesen. In den ersten zwei Ausgaben lässt sich ein Autorenkernteam ausmachen, das für Kompetenz in Sachen “Wal” steht: Caroline WeirGavin ParsonsAndy Williams und Phil Coles. Das sind Namen, die unter Fachleuten nicht unbekannt sind. Aber auch die weiteren Autoren stammen aus dem Who is Who der (britischen) Wale-Szene.

Die Herausgeberin Rachel Saward hingegen war mir nicht bekannt. Sie hat jahrelange Erfahrung beim Herausgeben von Spezialtiteln im Magazinbereich. Für Wale hat sie sich ein Leben lang interessiert. „Ich habe Jahre darauf gewartet habe, dass jemand ein derartiges Magazin auf den Markt bringt. Nun bin ich des Wartens müde geworden und habe eine solche Zeitschrift, das Whale and Dolphin Magazine, selbst gegründet.“ Über 40 Briefe habe sie an Walexperten versendet, um herauszubekommen, was sie von einer solchen Idee halten würden. „Die Antwort war ein überwätigendes ‚Ja’“

Wie ist dieses Magazin nun einzuordnen. Auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt könnte man es thematisch neben natur&kosmos oder mare platzieren. Nach einer kleinen, nicht-repräsentativen Umschau im Zeitschriftenregal unseres Supermarktes, kann ich dem Whale and Dolphin Magazine im Vergleich zu den zahlreichen Tierart-spezifischen Magazinen (vor allem über Hunde und Pferde) ein hohes Niveau bescheinigen.
In Großbritannien dürfte das aus Deutschland leider wieder verschwundene BBC Wildlife Magazine ein scharfer Konkurrent sein. An speziellen Walzeitschriften wären die Magazine von Organisationen wie den Whalewatcher der American Cetacean Society oder das SONAR von der Whale and Dolphin Conservation Society heranzuziehen, die aber nicht mehr regelmäßig publiziert zu werden scheinen und somit aus dem Rennen sind.

Layoutbeispiel 1 (S. 6-7) und 2 (S. 40-41): eng gesetzt, zum Teil unterschiedliche Schriften, mühsam für’s Auge?

Es bleibt noch die Fluke aus Emden, die ich zum Vergleich heranziehen möchte. Die Fluke ist das einzige deutschsprachige regelmässige Printmedium, dass sich nur den Walen widmet. Inhaltlich gehen beide Magazine tief, da eher von Wal-Spezialisten als von Profi-Journalisten geschrieben wird. Trotzdem ist das Whale and Dolphin Magazine gut lesbar, soweit ich das als Nicht-Muttersprachler beurteilen kann.
Die Fluke betont historische Aspekte, bietet viele Informationen zum Walfang und zeigt ihre Herkunft aus der Philatelie mit einigen Briefmarkenseiten. Das Whale and Dolphin Magazine setzt Schwerpunkte beim Whale Watching. In beiden Magazinen sind Nachrichten und Informationen zum Walschutz zu lesen, das Engagement der Herausgeber ist gleichermaßen zu spüren.

Das Gesicht des Whale and Dolphin Magazine

Bei der Gestaltung scheiden sich die beiden Publikationen dann allerdings. Das Whale and Dolphin Magazine ist wesentlich aufwändiger layoutet als die Fluke. Mit dem professionellerem Gesicht des Whale and Dolphin Magazine kann ich mich allerdings (noch) nicht komplett anfreunden. Sicher, es gibt viele farbige Bilder, aber die häufigen Schriftwechsel zwischen serifenloser und Serifenschrift sowie die eng gesetzten Textblöcke ermüden doch eher als dass sie erfrischen. Da würde ich mir noch mehr lockeres Layout mit Mut zur Weißfläche und großformatigen Photographien wünschen. Eine Forderung, die allerdings mehr Seiten bei gleichem Inhalt zur Folge hätte und so auch für den Preis entscheidend wäre. Rachel Saward ist dieses Layout-Dilemma bekannt: „Klar, ist ein lockeres Layout schöner, aber wir hatten bisher so viel guten Text für unsere Zeitschrift und ich denke, dass die Leser bei dieser Art Magazin mehr Wert auf gute Information legen. Ausserdem ist zu bedenken, dass das Whale and Dolphin Magazine neu ist und sich auch im Layout weiterentwickeln wird.“

Der Preis des Whale and Dolphin Magazine erscheint mir märchenhaft. 16 Pfund zahlt man in Deutschland für 6 Ausgaben inklusive Versand. Das bedeutet einen Preis von knapp 3 Euro (2,67 Pfund) pro Heft. (Preisänderungen nach Veröffentlichung dieses Artikels sind natürlich möglich )

Werbung im Whale and Dolphin Magazine (Heft 2, S. 24-25): Vor allem von Anbietern von Whale Watching Anbietern und gar nicht mal uninteressant.
Werbung im Whale and Dolphin Magazine (Heft 2, S. 24-25): Vor allem von Anbietern von Whale Watching Anbietern und gar nicht mal uninteressant.

Ich habe mich mit einigen Freunden in dunklen Nächten schon Phantasien über das Herausgeben einer deutschsprachigen Walzeitschrift hingegeben. Jeder Gedanke daran endete nach kurzem Spiel in den Untiefen der Finanzierung eines solchen Projektes. Wie macht das Whale and Dolphin Magazine das? Von den 52 Seiten sind nur etwa 8 Seiten Werbung, diese noch dazu häufig für Projekte der Autoren. Werden die Autoren nicht bezahlt? Kostet der vierfarbige Druck in England nichts? „Doch, Autoren werden bezahlt“, sagt Rachel Saward, „und der Druck ist tatsächlich recht teuer. Aber dieser Tage ist das Leben so teuer geworden, ohne dass die Löhne gleichermaßen gestiegen sind. Ich möchte nicht, dass interessierte Menschen darüber nachdenken müssen, ob sie sich das Magazin leisten können. Es soll für alle erschwinglich sein. Aus Geschäftssicht müssen wir allerdings beobachten, wie sich Auflage und Druck- und Versandkosten entwickeln und eventuell nächstes Jahr in den sauren Apfel beissen und den Preis erhöhen.“
Alfred Schmidt, der für 6 Euro pro Ausgabe gerade mit Ach und Krach die Fluke vorwiegend in SchwarzWeiss und ohne Bezahlung der Autoren gestaltet und versendet, wird sich weiterhin fragen, wie man zu diesem Preis ein solches Produkt erzielen kann.

Fazit

Für Walfreunde in Deutschland, die der englischen Sprache mächtig sind, gibt das Whale and Dolphin Magazine einen wertvollen Einblick in die Walvorkommen des nur wenige Reisestunden entfernten europäischen Nachbarlandes. Neben Nachrichten aus aller Welt beschäftigen sich viele Artikel mit regional unabhängigen Themen. Die Texte sind fundiert geschrieben und mit aussagekräftigen Bildern illustriert. Das enge Layout ist nach meinem Empfinden zwar verbesserungswürdig, tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch.
Ich kann das Whale and Dolphin Magazine allen Lesern von Herzen empfehlen. So günstig kommt man so schnell nicht wieder an aktuelle, bunt aufgemachte und gute Informationen über Wale. Dem Whale and Dolphin Magazine wünsche ich eine große Leserschaft und eine gute Fahrt durch die schwierigen Publikationsgewässer.

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