Ein Scheinriese wird entzaubert: Neue Daten für Perucetus colossus

von Johannes Albers | Cetacea.de | Essen | 19. Juni 2024

Im Sommer 2023 sorgte die Meldung für Aufsehen, ein fossiler Wal aus Peru habe vor 39 Millionen Jahren, im Zeitalter des Eozän, womöglich mehr gewogen als ein heutiger Blauwal. Für diesen Perucetus colossus gibt es inzwischen neue Berechnungen und Abschätzungen, die zu deutlich bescheideneren Ergebnissen führen: Der Wal wog wahrscheinlich nur 60 bis 70 Tonnen.

Vergleich verschiedener Modellierungen in der Arbeit von Motani und Pyenson (2024). A: Perucetus colossus mit 17 Metern Länge; B: Perucetus colossus mit 20 Metern Länge; C und D: Modellierungen für den heutigen Blauwal mit 30 Metern Länge.

2023 erschien die von 16 Autoren verfasste Arbeit A heavyweight early whale pushes the boundaries of vertebrate morphology in der Zeitschrift Nature. Sie schätzte das Lebendgewicht des neu entdeckten Perucetus colossus auf 85 bis 340 Tonnen, wobei als beste Schätzung 180 Tonnen genannt wurden. Letzteres liegt noch im Bereich eines besonders großen Blauwals, aber die Maximalschätzung geht weit darüber hinaus: Perucetus colossus wurde als das vielleicht schwerste Tier aller Zeiten gehandelt.

Doch in den USA rechneten Ryosuke Motani und Nicholas Pyenson neu und stellten ihre Grundlagen, Methoden und Ergebnisse in dem Journal PeerJ vor:

Für Blauwale errechneten sie ein Höchstgewicht von 270 Tonnen auf der Basis der längsten je gemessenen Tiere. Für Perucetus colossus nennen sie Minimalschätzungen von 41,3 bis 48 Tonnen. Am wahrscheinlichsten ist nach Motani und Pyenson aber eine Schätzung von 60 bis 70 Tonnen, wobei sie eine Körperlänge von 17 Metern annehmen. Möglich erscheint ihnen freilich auch eine Länge von 20 Metern, was zu einer Gewichtsschätzung von 98 bis 114 Tonnen führt.

Selbst die Maximalwerte der neuen Schätzungen übersteigen nicht die Daten für den Blauwal, und Bücher über die Rekorde der Tierwelt brauchen nicht umgeschrieben zu werden. Trotzdem bleibt Perucetus colossus der Riese unter den Walen seiner Zeit: 60 bis 70 Tonnen sind immer noch gut das Zehnfache dessen, was man für den nahe verwandten Urwal Basilosaurus annimmt, der bisher als Rekordhalter im Eozän galt.

Die Studie von Motani und Pyenson ist im Internet frei verfügbar.

Besprochene Veröffentlichung:

MOTANI, R. und N. D. PYENSON (2024): 
Downsizing a heavyweight: factors and methods that revise weight estimates of the giant fossil whale Perucetus colossus.
PeerJ. 2024; 12: e16978.
DOI: 10.7717/peerj.16978

Fachliteratur zum Thema

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A heavyweight early whale pushes the boundaries of vertebrate morphology.
Nature
DOI: 10.1038/s41586-023-06381-1

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Das Beitragsbild zeigt einen Blauwal vor Morro Bay, Kalifornien, USA. Bild: Aprille Lipton (CC-BY 2.0)

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