So klingt Biodiversitätsverlust: Populationsentwicklung bei Buckelwalen mit Felix Mendelssohn Bartholdys Hebriden spürbar gemacht.

von Jacqueline Garget | Universität Cambridge | Cambridge | 16. Oktober 2022

Die gesellschaftliche Apathie gegenüber dem Verlust der biologischen Vielfalt hat einige Mitarbeiter der Universität Cambridge sehr frustriert. Nun ist es ihnen aber gelungen in einer besonderen Form auf den Niedergang der Natur hinzuweisen – und die Menschen hören zu.

Collage, die einen Buckelwal vor den Äußeren Hebriden zeigt zusammen mit zwei Blättern aus dem Notensatz von Mendelssohns Hebriden

Dr. Matthew Agarwala, Wirtschaftswissenschaftler am Bennett Institute for Public Policy der Universität Cambridge, hat beobachtet wie menschliche Aktivitäten weltweit die Natur immer stiller machen. Aber wie kann man diesen schwer greifbaren Vorgang seinen Mitmenschen deutlich und verständlich machen? Um das enorme Ausmaß des Verlusts der biologischen Vielfalt zu verdeutlichen, verwendet er Musik. Damit will er das Problem anschaulich vermitteln und zeigen, was nötig ist, damit sich die Arten erholen können.

Durch die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Dr. Ewan Campbell, Musikdirektor am Churchill College und Murray Edwards College in Cambridge, erreicht er die Aufmerksamkeit eines neuen und breiten Publikums. Die beiden haben Mendelssohns „Hebriden-Ouvertüre“ mit der Populationsgeschichte der Nordatlantischen Buckelwale verbunden.

Es waren einmal 30.000

Inspiriert von seiner Reise im Jahr 1829 zu einer Meereshöhle – Fingal’s Cave – auf den Inneren Hebriden in Schottland, fängt Mendelssohns Originalmusik die Schönheit, Kraft und Vitalität des Meeres kurz vor der Einführung der mechanisierten industriellen Fischerei ein.

Die rund 30.000 Noten in der Originalpartitur entsprechen ungefähr der Anzahl der Buckelwale, die im Jahr 1829, als das Stück geschrieben wurde, in nordatlantischen Gewässern vorkamen. Doch dann sorgte der umfangreiche kommerzielle Walfang für einen dramatischen Rückgang vieler Walpopulationen. Bis 1920 waren zwei Drittel aller Buckelwale verschwunden.

Campbell teilte Mendelssohns Partitur in Jahrzehnte ein und reduzierte die Noten im Verhältnis zum Rückgang der Buckelwale im Laufe der Musik – und der Zeit. Das daraus resultierende Stück „Hebriden Redigiert“ (Hebrides Redacted) hat sich als einfache aber sehr wirksame Möglichkeit erwiesen, dem Publikum den Verlust der biologischen Vielfalt über die Zeit zu verdeutlichen.

Aufführung von Hebrides Redacted

Ein kurzer Film über die Musik und ihre Wirkung auf das Publikum wurde am Freitag, dem 14. Oktober 2022, im Rahmen des Cambridge Zero Climate Change Festivals online veröffentlicht.

Die Musik wurde vom 38-köpfigen Wilderness Orchestra beim diesjährigen August Wilderness Festival in Oxfordshire aufgeführt. Dr. Campbell hat dirigiert und Dr. Agarwala Kommentare gesprochen. Die Reaktion des Publikums war überwältigend positiv – und das Stück wurde mit stehenden Ovationen bedacht.

Hebrides Overture’s disappearing notes. (C) Universität Cambridge

„Es war ein ganz normales Publikum beim Wilderness Festival – die Leute waren da, um sich zu amüsieren, und nicht, um mit Hilfe von Musik aus dem 19. Jahrhundert zu erfahren, dass die Welt auseinanderfällt. Aber irgendwie hat es funktioniert“, sagte Campbell.

Enormer Verlust an Biodiversität

„Im letzten Jahrhundert wurden fast eine Million Arten an den Rand des Aussterbens gebracht – die Natur wird still“, sagte Agarwala, Wirtschaftswissenschaftler am Bennett Institute for Public Policy der Universität Cambridge.  

Er fügte hinzu: „Forscher – mich eingeschlossen – schlagen schon seit langem Alarm wegen der Folgen des Verlusts der biologischen Vielfalt, aber die Botschaft kommt nicht an. Musik ist intuitiv und emotional und findet die Aufmerksamkeit der Menschen auf eine Art und Weise, wie es wissenschaftliche Arbeiten einfach nicht können.

Aufforderung zum Handeln

Hebrides Redacted verläuft nicht einfach im Sande. Das Duo möchte auch auf die politischen Maßnahmen aufmerksam machen, die erforderlich wären, damit sich die Buckelwalpopulationen wieder erholen. Daher blickt der letzte Teil des Stücks in die Zukunft und geht von einem optimistischen Anstieg der Population um 8 % pro Jahrzehnt aus.

„Wir sehen, dass sich die Wale erholen können, wenn sich unser Umgang mit dem Meer verbessert“, sagt Agarwala. Für eine vollständige Erholung der Buckelwalbestände ist einiges vonnöten. Agarwala zählt beispielhaft auf: 

  • Die Ökosysteme in den Ozeanen müssen durch die Einrichtung von Meeresschutzgebieten geschützt werden,
  • der Seeverkehr sollte sinnvoll umgeleitet werden, um die Zahl der von Schiffen angefahrenen Wale zu verringern, 
  • und die Meeresverschmutzung muss minimiert werden.

Musikalische Schönheit trotz gestrichener Noten

„An ihrem Tiefpunkt ist die Partitur dünn und bruchstückhaft, mit isolierten Noten, die nach einer Melodie greifen, die nur teilweise vorhanden ist. Aber selbst angesichts der verheerenden Zerstörung ist die Natur unverwüstlich und immer schön, und selbst wenn zwei Drittel der Musik fehlen, gibt es immer noch eine zarte Schönheit, wenn auch nur eine blasse Ahnung ihrer einstigen dramatischen Pracht“, so Campbell.

„Redigieren ist ein Wort, das man normalerweise mit Zensur und dem Vertuschen von Geschichte verbindet. Ich finde es sehr treffend für dieses Musikstück – wir zeigen, wie menschliche Aktivitäten die Natur zum Schweigen gebracht haben.“

Dr. Ewan Campbell

Agarwala und Campbell sind begeistert von der Wirkung, die die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft auf das öffentliche Publikum hat. Sie haben Ideen für viele weitere Musikprojekte, von denen sie auch hoffen, dass sie Entscheidungsträger dazu ermutigen, Maßnahmen zum Schutz der natürlichen Welt zu ergreifen.

Das Cambridge Zero Climate Change Festival 2022 legt einen Schwerpunkt darauf, die Diskussion über den Klimawandel für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es findet von Freitag, 14. bis Sonntag, 16. Oktober statt.

Dies ist die Übersetzung (J. Herrmann / Cetacea.de) einer Pressemitteilung der Universität Cambridge, die unter CC BY 4.0 veröffentlicht wurde. Diese Übersetzung (nur der Text, nicht die Abbildungen) ist dementsprechend ebenfalls unter CC BY 4.0 lizenziert.

Fachliteratur zum Thema

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