Bartenwale mit Zähnen

von | | | 7. April 2013

Unter heutigen Walen stellt sich die Unterscheidung zwischen den beiden rezenten Unterordnungen, den Zahnwalen und den Bartenwalen, einfach dar. Schon die Bezeichnungen drücken aus, worauf es ankommt: Zahnwale tragen im Maul Zähne (wenn auch manchmal nur im Zahnfleisch verborgen), Bartenwale hingegen fransige Hornlamellen (Barten) im Oberkiefer. Aber schon bei heutigen Bartenwal-Embryos wird die Sache komplizierter: Sie besitzen noch Zahnanlagen, die beweisen, dass Bartenwale von zahntragenden Vorfahren abstammen. Paläontologisch zählt man zur Unterordnung der Bartenwale (Mysticeti) auch Tiere, die gar keine Barten hatten, sondern ein Gebiss.

Kapitelübersicht:

  1. Neue Strömung, neue Wale: die Bartenwale (Mysticeti)
  2. Schillernde Einordnungen
  3. Llanocetus denticrenatus
  4. Die Gattung Mammalodon
  5. Janjucetus hunderi
  6. Die Familie Aetiocetidae
  7. Literatur
  8. PDF

Neue Strömung, neue Wale: die Bartenwale (Mysticeti)

Dieser Kekenodon-Zahn hat abgebrochene Kronenspitzen und halb verwachsene Wurzeln.

Der große Südkontinent Gondwana zerbrach ab der Kreidezeit in mehrere Teile. So trennte sich Afrika bereits in der unteren Kreide von der Antarktis, Neuseeland in der oberen Kreide. Vor rund 65 Millionen Jahren begann nach dem berühmten Sauriersterben das Paläogen (Alttertiär). In dessen Verlauf trennten sich auch Australien und Südamerika von der Antarktis. Um diese herum konnten sich nun kalte Meeresströmungen etablieren. Ein entscheidender Faktor dafür war nicht nur die Entstehung der Drake-Straße zwischen der Antarktis und Südamerika: Nach neueren Erkenntnissen begann diese Straße sich bereits vor 40 Millionen Jahren zu öffnen, also noch im Eozän, dem Zeitalter der Urwale (Unterordnung Archaeoceti). Entscheidend war aber auch, dass sich vor ca. 34 Millionen Jahren das Meer zwischen der Antarktis und Australien vertiefte. Damit bekamen die kalten Strömungen freiere Bahn, in der Antarktis bildete sich Packeis, und es begann das Zeitalter des Oligozän, in dem die Urwale durch die moderneren Unterordnungen der Zahnwale (Odontoceti) und der Bartenwale (Mysticeti) abgelöst wurden.

Die neuen Strömungsverhältnisse begünstigten das verstärkte Auftreten von Plankton. Pflanzliches Plankton zieht kleine wirbellose Tiere (Krill) an, denen es als Nahrung dient. Der Krill wiederum lockt größere Tiere an, die ihn fressen. Das können z.B. Fische sein, die ihrerseits von zahntragenden Walen verzehrt werden. Unter den Walen erlangten manche Mysticeti auch die Fähigkeit, sich direkt von Krill zu ernähren, den sie massenweise in ihr Maul aufnahmen. Dieser Ernährungsweise diente die Entwicklung von Barten. Andere Mysticeti verzichteten auf Barten und jagten weiterhin, wie die Urwale und auch die Zahnwale, mit ihrem Gebiss größere Beute wie z.B. einzelne Fische. Dass es sich bei diesen Walen dennoch um Mysticeti (also Bartenwale“) handelte, verraten Eigentümlichkeiten im Knochenbau, die sie von Zahnwalen unterscheiden: Typisch für die Unterordnung Mysticeti ist z.B., dass sich ein hinterer Fortsatz des Oberkieferknochens unter das Stirnbein schiebt, während Zahnwal-Oberkiefer sich nur über das Stirnbein schieben. Ähnliche Anhaltspunkte können Knochenkämme an der Schädelbasis geben.

Wahrscheinlich besaßen manche bezahnten Mysticeti des Oligozän zugleich auch Barten. Nachweise dafür sind höchstens indirekt möglich, da Barten nur selten fossil erhalten bleiben. Zeitgleich mit solchen Tieren gab es aber bereits Wale, die nur noch Barten und keine Zähne mehr trugen. So müssen wir im Oligozän mit drei verschiedenen Erscheinungstypen von Mysticeti rechnen:

  • Mysticeti mit Zähnen, aber ohne Barten,
  • Mysticeti mit Zähnen und zugleich Barten,
  • Mysticeti ohne Zähne, nur mit Barten.