Jens F. Ehrenreich (2004): Jónas Blondal

von | | | 3. Januar 2005

Jens F. Ehrenreich (2004): Jónas Blondal 48 S., Epsilon Verlag, Nordhastedt. ISBN 3-932578-41-4, 10,- Euro.
Jens F. Ehrenreich (2004):
Jónas Blondal
48 S., Epsilon Verlag, Nordhastedt.
ISBN 3-932578-41-4,
10,- Euro.

Buchbesprechung von Dr. HELMUT KERSTEN

In der für die ernste Thematik ungewöhnlichen Form eines Comics hat der Autor ein Stück Walfanggeschichte eingefangen. In meisterhaften Bildern, die den Betrachter schnell gefangen nehmen, erzählt Ehrenreich die Geschichte des 12jährigen Isländers Jónas Blondal.

Die im Jahre 1894 angesiedelten Ereignisse beginnen mit der Trauerfeier für Jónas Bruder Grímur. Vater Ivar zeigt sich von dem Verlust wenig beeindruckt und verkündet, Jónas im Juli mit auf den Walfang nehmen zu wollen. Der Junge ist von dem vor ihm liegenden Abenteuer begeistert. An Bord des Walfängers „Eiríkur Rauði“ weicht diese Begeisterung schnell der Ernüchterung. Der als Schiffsjunge angeheuerte Jónas leidet unter der Rohheit der Mannschaft. Die blutige Brutalität des Walfangs erfüllt ihn mit Entsetzen. Zutrauen faßt er lediglich zu dem jungen Buckelwal Finn, dessen Mutter die Walfänger getötet haben. In ernster Gefahr soll Finn zum Retter für Jónas werden, so wie einst sein biblischer Namenspaton durch einen Wal gerettet wurde. Doch solange Menschen die Wale jagen, gibt es keine Erlösung. Wie vom Autor angekündigt, bleibt die Geschichte von Jónas Blondal ohne Happy End.

Jens Ehrenreich hat zu seinem Comic eine ausführliche und aufwändig illustrierte Internetseite angelegt, die einen Besuch lohnt. Er beschreibt darin die Entstehung des Comics Jónas Blondal aus inhaltlicher und grafischer Sicht: www.jonas-blondal.de.
Jens Ehrenreich hat zu seinem Comic eine ausführliche und aufwändig illustrierte Internetseite angelegt, die einen Besuch lohnt. Er beschreibt darin die Entstehung des Comics Jónas Blondal aus inhaltlicher und grafischer Sicht: www.jonas-blondal.de.

Wale sind an den Küsten Islands während des Mittelalters in sehr eingeschränktem Umfang Opfer primitiver Jagdmethoden geworden. Der Walfang mit Schaluppen und Harpunen nach baskischem Vorbild hat sich hier indes nie etablieren können. Die im 18. und 19. Jahrhundert versuchte Gründung von Fanggesellschaften, wie sie um diese Zeit in vielen deutschen Häfen bestanden, blieb durchweg erfolglos. Neben der vielfach beklagten Unerfahrenheit der Isländer war hierfür der Mangel an geeigneter Jagdbeute ursächlich. Opfer der Jagd mit Handharpunen waren die langsam schwimmenden und im Tode nicht untersinkenden Glattwale. Diese waren im 18. Jahrhundert im Nordatlantik bereits so stark reduziert, daß ein Fang um Island nicht mehr lohnte.

Jonas Blondal AusschnittIm Jahre 1894, in dem Ehrenreich seine Geschichte ansiedelt, hatte sich das Bild grundlegend gewandelt. In der Zeit von 1864-68 hatte der Norweger Svend Foyn eine Fangmethode entwickelt, die nun auch die bisher verschont gebliebenen Furchenwale zur Beute der Walfänger machte. Der Einsatz schneller Dampfboote, der Abschuß von Granatharpunen aus Kanonen und das Aufblasen der getöteten Wale mit Preßluft gestatteten es, die schnellen Schwimmer zu töten und zu bergen. Zunächst an der norwegischen Küste (Finnmark) etabliert, hat sich die neue Methode durch norwegische Fanggesellschaften rasch nach Island, auf die Färöer sowie nach Neufundland und Labrador ausgebreitet, bevor schließlich ein Gemetzel ohne Beispiel unter den Walbeständen der Antarktis begann.

Ehrenreich erzählt seine Geschichte also vor einem realen Hintergrund. Das Walfangschiff, die „Eiríkur Rauði“ gleicht nun eher einem schottischen Dampfsegler, mit denen im fraglichen Zeitraum der Walfang etwa von Peterhead aus betrieben wurde, als den kleinen, schnellen norwegischen Booten, die vor Island von Landstationen aus zum Einsatz kamen. Diese kleine historische Ungenauigkeit schmälert den Wert des Werks indes nicht. Mit beeindruckenden Bildern ist es Ehrenreich gelungen, die ganze Abscheulichkeit des Walfangs in einer leicht faßbaren Form darzustellen. In einer Zeit, in der gerade auch die Isländer sich wieder anschicken, Walfang in großem Maßstab zu betreiben, ist seinem Werk eine weite Verbreitung zu wünschen.

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