Klaus Barthelmess (2007): The Arts of Modern Whaling.

von | | | 13. September 2007

Klaus Barthelmess (2007): The Arts of Modern Whaling 58 S., 68 Farbabb., A4, Broschur, Commander Chr. Christensen's Whaling Museum, Publication No. 32. Sandefjord (Norwegen): Sandefjord Art Association & The Whaling Museum. ISBN 978-82-993797-5-5, 100 norwegische Kronen (ca. 12,50 Euro)
Klaus Barthelmess (2007):
The Arts of Modern Whaling
58 S., 68 Farbabb., A4, Broschur, Commander Chr. Christensen’s Whaling Museum, Publication No. 32. Sandefjord (Norwegen): Sandefjord Art Association & The Whaling Museum.
ISBN 978-82-993797-5-5,
100 norwegische Kronen (ca. 12,50 Euro)

Buchbesprechung von HOLGER BITTLINGER

Unter den Nutzern dieser Website sind sicherlich etliche, die sich für die Kunstgeschichte des Wals und des Walfangs, aber auch für die Technikgeschichte des modernen Walfangs interessieren. Einzelne mögen auch Kunst und Erinnerungsstücke davon sammeln. Einer der weltweit besten Kenner dieses Sammelgebiets, der Kölner Walfanghistoriker, Museumsberater und Kunstsammler Klaus Barthelmess, hat nun das erste kunstgeschichtliche Überblickswerk über dieses Thema verfasst. Es spannt einen Bogen von musealer, kaum erschwinglicher Spitzenkunst bis hin zur Hobby-Kunst des kleinen Mannes, die der erfahrene Sammler mit etwas Glück erwerben kann.

Anlass der Veröffentlichung ist der 90. Geburtstag des 1917 gegründeten Kommandeur Chr. Christensens Hvalfangstmuseums im norwegischen Sandefjord, der einstigen Welthauptstadt des modernen Walfangs. Seine Sponsoren, vor allem die Christensen-Familie, aber auch die Rasmussens und andere, waren nicht nur vermögende Walfangreeder, sondern auch Kunstmäzene. Daher sind in diesem einzigen Walfang-Spezialmuseum Kontinentaleuropas (es gibt noch welche auf den Azoren und auf Madeira) mehrere bedeutende Werke skandinavischer Künstler zum Thema erhalten. Leider wurde mit dem Niedergang des industriellen Walfangs auch die Ankaufspolitik des Museums, bzw. seiner Sponsoren beinah völlig eingestellt, so dass seit rund 40 Jahren fast nur noch vereinzelte Spenden den Altbestand erweitern.

Die erste von mehreren Veranstaltungen des Jubiläumsjahres in Sandefjord war eine Ausstellung moderner, walfangbezogener Kunst im Kunstverein Sandefjords (Hvalfangsten i kunsten og kunsten i hvalfangsten, 21. April – 20.Mai 2007). Sie wurde von Barthelmess konzipiert und kuratiert. Sein neues Buch ist eine Art Katalog dieser Ausstellung, doch um einige bedeutende Werke aus anderen öffentlichen und privaten Sammlungen erweitert.

Der Autor behandelt vier Kunstgenres:

  1. Bildende Kunst (Malerei);
  2. angewandte Kunst (Architektur, Goldschmiedekunst, Design);
  3. Walfängervolkskunst;
  4. und in einem unorthodoxen Spiel mit historischen Kunstbegriffen die so genannte Ingenieurskunst.

Einen in seinem ursprünglichen Konzept vorgesehenen, fünften Kunstbegriff, die Kunst des Walschießers, haben die Leiter der ausrichtenden Institutionen im Walfangland Norwegen dem vom Walfang faszinierten Kulturwissenschaftler Barthelmess gestrichen. Eigentlich schade, denn die Harpuniere waren der entscheidende, fast wie ein talentierter Künstler mit AugeNase, oder Händchen begabte, menschliche Faktor an der Schnittstelle zwischen Natur und Technik. Es wäre spannend gewesen zu erfahren, was einen guten Walschießer von einem durchschnittlichen unterschied. Die guten Harpuniere waren der Schlüssel zum Erfolg dieser Industrie, sie wurden ge-headhuntedund hofiert wie Diven. Einige entwickelten Starallüren und manche Reeder bauten ihnen Walfangdampfer nach ihren Wünschen. Einzelne verdienten das Sechzigfache eines Matrosen.

Seite 19 in BARTHELMESS (2007)
Seite 19 in BARTHELMESS (2007)

Im ersten Kapitel behandelt Barthelmess die Malerei (hantierbare Skulpturen des modernen Walfangs von Profi-Künstlern waren wohl nicht aufzutreiben, und auch dem Rezensenten sind keine bekannt). Nur wenige Künstler der Vergangenheit haben die Walfangszenen, die sie malten, selber gesehen. Mit dem Aufkommen des modernen Küstenwalfangs in den 1860er Jahren wurde dies möglich, vor allem durch verbesserte Infrastruktur wie dem Anschluss entlegener Küstenstriche an reguläre Schiffsliniendienste und den Nordland- und Arktistourismus. Der Autor entwirft eine -wie ich finde: Überzeugende – Typologie von Künstlern, die ihre Walfanggemälde schufen, indem sie verschiedene Formen dieser verbesserten Infrastruktur nutzten. Nur vier ausgebildete Künstler nahmen an antarktischen Walfangexpeditionen teil. Daneben gab es die so genannten dockside painters, die wie in früheren Jahrhunderten ihre Walfanggemäde nach Skizzen der Schiffe im Hafen schufen, Künstler, die als Vorlage erfolgreiche Arbeiten ihrer Kollegen oder Photographien benutzten, und Hobbymaler mit Walfangerfahrung. Beispiele all dieser Werk-Typen sind abgebildet.

Das zweite Kapitel ist der angewandten Kunst gewidmet. Eher noch als die Malerei bietet sie sich für die Umsetzung von Konzepten des Modernen an, indem sie Aspekte von Funktion, Material, Form und Design auf neue, ungewöhnliche Art und Weise kombiniert. Ausführlich wird die im Jahre 1917 moderne Architektur des Walfangmuseums erörtert und der so genannte THORSHAVN-Pokal, ein Meisterwerk skandinavischer Golschmiedekunst des Art Deco. Er ist ein Erinnerungsstück an eine der für Norwegen völkerrechtlich bedeutenden, von Christensen aber privat finanzierten Forschungsfahrten in die Antarktis in den 1920er und 1930er Jahren. Auch die in etlichen Privatsammlungen vorhandenen, serienweise gefertigten Werbe- und Weihnachtsgeschenke der Walfangreedereien werden behandelt.

Im dritten Kapitel geht es um die Seemannsvolkskunst des modernen Walfangs. Barthelmess überrascht mit der einleitenden Feststellung, dass man in Norwegen, anders als in allen anderen Seefahrtsnationen, dieses Kunstgenre nicht als (Seemanns-) Volkskunst bezeichnet, sondern sehr pragmatisch und oft recht unzutreffend als Freiwache-Arbeiten (frivaktarbeider). Dementsprechend verwirft er diesen Begriff und entwickelt in diesem umfangreichsten Kapitel des Katalogs wieder eine für Sammler und Museumsleute recht nützliche Typologie. Er beginnt mit einer kurzen Begriffsdefinition von Scrimshaw (kleinformatige, bildnerische und plastische Volkskunst aus Hartgewebe (Zahn, Knochen, Barten) vom Wal). Weiter geht es mit Walfängervolkskunst (ohne Scrimshaw), darunter etwa Souvenirs aus getrocknetem Wal-Weichgewebe (Augäpfel, Penisse, Haut), getrocknete Parasiten, Magen- und Darminhalte (Seepocken, Tintenfischschnäbel, Flechtgürtel aus Bandwürmern), Souvenirarbeiten aus dem Metallschrott und Tauwerksabfall von Zerlegeplan und Kocher, etwa Fragmente der Harpunengranaten, Granatenzünder, Flensmesserbruchstücke und Harpunenkartuschen, sowie fancy ropework und Makrame aus Nylon-Harpunenvorläufern. In diese Kategorie von Walfängervolkskunst gehören auch alle Arten von Modellen von walfangbezogenen Geräten (Fangschiffe, Sichtungsflugzeuge, Harpunenkanonen, etc.) aus nicht-waligen Materialien, größere Arbeiten aus Walknochen (Möbel, v.a. Hocker; dekorative Arrangements) sowie schließlich folkloristische Malerei und Zeichnung mit einschlägigen Sujets. Für sehr große Außen-Arrangements aus Walknochen schlägt er den Begriff Walknochenmonument vor.

Bart

Anschließend geht es um die beiden gängigsten Formen von modernem Scrimshaw: Pinguinskulpturen aus Pottwalzahn und mit menschlichen Gesichtern bemalte Furchenwal-Gehörknochen. Barthelmess weist darauf hin, dass die Identifikation von künstlerischen Handschriftenbei Scrimshaw des 19. Jahrhunderts heute immens aufwändig ist. Handschriften und individuelle Stile bei modernem Scrimshaw nicht nur zu identifizieren, sondern auch zuzuschreiben ist hingegen noch möglich, so lange einige der anonymen Künstler, ihre Zeitzeugen oder unmittelbare Nachfahren noch leben.

Der häufigste Typ historischen Scrimshaws ist bildliches Scrimshaw, meist also mit einem Bildmotiv gravierte Pottwalzähne. Bildliches Scrimshaw gibt es auch aus dem modernen Walfang. Hier stellt Barthelmess fest, dass graviertes Bild-Scrimshaw bei norwegischen und britischen Walfängern weniger verbreitet war als gemaltes. Bei sowjetischen Walfängern war graviertes oder mit dem Lötkolben gebranntes Bild-Scrimshaw üblich. Graviertes war meist auch noch mehrfarbig. Japanisches Scrimshaw war teilweise von sowjetischem beeinflusst, aber auch von einem jahrhundertealten, einheimischen Kunstgewerbe. Interessant speziell für deutsche Walfangsammler ist ein kurzes Kapitel über von bundesdeutschen Walfängern geschaffenes Onass-Scrimshawund seine Besonderheiten, die so bisher nur sehr wenigen Kennern bekannt waren.

BartWeitere Unterkapitel dieses Volkskunst-Kapitels sind Modell-Scrimshaw, Scrimshaw-Heimgewerbe, Harpunenvorläufer-Tauarbeiten und walfangfolkloristische Gebrauchsgegenstände. Auch hier sind ausgewählte Beispiele solcher Arbeiten abgebildet.

BartDas Kapitel über Ingenieurskunst beginnt mit einem Motto aus der Barockzeit, das man auf verschiedenen Walfangdarstellungen findet: Kunst besiegt Kraft. Wie gewohnt, bietet Barthelmess sodann einen typologischen Überblick über Jagdmethoden im Allgemeinen, über die physiologischen Grundlagen des Tötens von Walen und über verschiedene Walfangmethoden aus aller Welt. Anschließend präsentiert er Definitionen des fangtechnologischen Prinzips der Harpune, des wirkungsvollsten Walfanggeräts. Die Entwicklung der modernen Walfangmethode Svend Foyns mit Fangdampfer und Explosivharpune wird in ihrer speziellen Anpassung an die biologischen Besonderheiten der neuartigen Beute (Furchenwale) erläutert. Inwieweit Foyns Erfindung im Lauf der Geschichte nicht immer zuverlässig die Kraft des Wals durch Kunst besiegte, ist Thema des letzten Unterkapitels der Einführung.

Das Walfangmuseum in Sandefjord besitzt eine bedeutende Sammlung von sehr seltenen, experimentellen, meist elektrischen Harpunen. Fünf davon sind im Katalog abgebildet und beschrieben. Wirtschaftliche Entwicklungen förderten auch Erfindungen, darunter viele, die auf die Steigerung der Effizienz von Walfangmethoden abzielten. Doch die Physiologie von Walen war unzureichend erforscht, so dass viele, speziell elektrische Tötungsmethoden eher weniger wirkungsvoll als die Granatharpune waren, der Industrie zusätzliche Kosten und dem Opfer gröere Qualen verursachten. So verkehrte sich das barocke Kunstmotto ins Gegenteil.

Sammler und Museumsleute werden in dem Abbildungsmaterial schwelgen. Skandinavische, angloamerikanische, deutsche, französische, russische, niederländische, japanische und afrikanische Künstler sind vertreten. Einige, den Kennern der maritimen oder skandinavischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts bekannte Namen sind: Themistokles von Eckenbrecher, Carl Saltzmann, Betzy Akersloot-Berg, Thorolf Holmboe, Louis Tinayre, William Lionel Wyllie, William Gordon Burn Murdoch, Wilhelm Wetlesen, Erik Werenskiold, Per Krohg, Willie Weberg. Über 40 Gemälde und Druckgraphiken nach Gemälden, sieben Werke der angewandten Kunst, 14 Werke der Volkskunst und fünf der Ingenieurskunst sind in Farbe abgebildet. Leider sind viele Werke aus dem Besitz des Walfangmuseums nicht so hochwertig photographiert und reproduziert wie die meisten Abbildungen aus anderen Museen und Privatsammlungen. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, wäre Nachbesserung hier wünschenswert. Wünschenswert wäre aber auch eine erweiterte Neuausgabe. Denn wie zu erfahren war, hatte man dem Autor ein Limit von 60 Druckseiten gesetzt. Zweifellos hätte der erfahrene Kenner der walfangbezogenen Kunst ein sehr viel dickeres und noch opulenteres Buch über das Thema schreiben können (und wohl auch wollen). Doch auch dieses vergleichsweise dünne Heftvon 58 Seiten hat als erste Monographie über die Kunst des modernen Walfangs das Zeug zum Standardwerk.

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