Wale mussten sterben, um Menschen zu töten

von Kersten & Entrup | FR | Frankfurt | 4. Oktober 2000

Über die Beteiligung Deutschlands an der Jagd und Tötung der Giganten des Meeres

Von Helmut Kersten und Nicolas Entrup

Dieser Artikel ist erschienen am 04.10.2000 in der Rubrik: Wissenschaft

Um die Zukunft des Walfangs wird derzeit international heftig gestritten. So hat zum Beispiel kürzlich US-Präsident Bill Clinton die Einhaltung internationaler Tierschutzabkommen angemahnt und Japan wegen dessen Walfang mit Sanktionen gedroht. Die aktuelle Debatte und die Geschichte des Walfangs sowie die deutsche Beteiligung daran beleuchten Helmut Kersten und Nicolas Entrup in einem Beitrag, den wir gekürzt dokumentieren. Helmut Kersten ist für das Walarchiv Hamburg tätig, und Nicolas Entrup ist Geschäftsführer der deutschen Sektion der Whale and Dolphin Conservation Society, der weltgrößten Wal- und Delfin-Schutzorganisation mit Sitz in Bath / Großbritannien.

Die internationale Diskussion über die Zukunft des Walfangs wird derzeit von Begriffen wie „Tradition“, „Küstenwalfang“ oder auch der Wortkombination „traditioneller Küstenwalfang“ bestimmt. Bei näherer Betrachtung kann man sich des Eindrucks jedoch nicht erwehren, dass diese vorwiegend seitens der Walfanglobby angewandte Terminologie einer politisch-strategischen Zielsetzung dient, und die wahren Gegebenheiten verfälscht.

Sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene soll diese Strategie den Interessen der Walfanglobby Erfolg verschaffen. National wird auf die Identifikation der Bevölkerung mit Walfangaktivitäten als Bestandteil einer traditionellen Fischerkultur und deren Verteidigung gegen ausländische Fremdbestimmung gezielt. International gilt es, Akzeptanz für die Verfolgung nationaler Interessen zu erhalten, indem man die bei anderen Ländern gegen die ehemaligen europäischen Kolonialmächte wie auch bei diesen selbst bestehenden Vorbehalte gegenüber einer Einmischung in fremde Kulturen für sich zu nutzen sucht. Insbesondere Japan hat hier unter Ignoranz der eigenen wirtschaftlichen Bindungen das Schreckgespenst eines auf die Zerstörung nationaler Traditionen gerichteten kulturellen Imperialismus westlicher Industrienationen heraufbeschworen.

Es ist kein Novum, dass eine Verhaltensweise mit dem Argument der „Tradition“ von der Öffentlichkeit mehrheitlich legitimiert werden soll, ohne eine inhaltliche Auseinandersetzung zu führen. So erscheint dies auch im Falle der Rechtfertigung des Walfangs in Norwegen und Japan zu sein. In den vergangenen Jahren wurde vermehrt ein Bild kreiert, dass die dortigen Walfangaktivitäten mit Tradition, Fischergemeinden und Küstengewässern in Verbindung bringt. Es besteht aber Grund zur Annahme, dass genau jene Terminologie das Produkt einer politischen Kampagne ist, um nationale Wirtschaftsinteressen durchzusetzen.

So tritt z. B. die Bezeichnung „Small-type coastal whaling“ zum ersten Mal 1947 in Japan auf und bezieht sich auf Walfangunternehmen in japanischen Küstengewässern, die ausschließlich „kleine Wale“ (small-type) bejagen. Das Wort „small“ beschreibt die bejagte Walspezies und hat keine Aussagekraft über die Größe der Schiffe bzw. das Ausmaß der Industrie. Die Eingliederung des Begriffes in die norwegische Literatur erfolgt langsam. Und so dauert es bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, dass die Termini „traditionell“ oder „in Küstennähe“ beschreibend für die norwegischen Walfangaktivitäten in der Literatur Eingang finden.

Historisch betrachtet hat sich jedoch die so genannte „Small-type whaling“-Industrie als eine Form des kommerziellen Walfangs aus und in Ergänzung zum Hochseewalfang entwickelt und nicht als „traditionelle“ Form der Subsistenzwirtschaft.