Wale mussten sterben, um Menschen zu töten

von Kersten & Entrup | FR | Frankfurt | 4. Oktober 2000

3. Abstinenz und technologische Aufrüstung

Die Erfindung der mit einer Kanone abgefeuerten Harpunengranate seitens des Norwegers Sven Foyn und die Entwicklung dampfgetriebener Walfangboote leiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue Periode des Walfangs ein. Ab diesem Zeitpunkt ist es möglich, gezielt und in großem Ausmaß Jagd auf die zuvor unerreichbaren, mächtigen und schnell schwimmenden Furchenwale zu machen. Norwegen, bis dahin allenfalls sporadisch am Walfang beteiligt, wird schlagartig zur führenden Walfangnation.

Der fehlenden aktiven Walfangbeteiligung Deutschlands zu Anfang des 20. Jahrhunderts steht eine Vielzahl deutscher Erfindungen im Bereich der Walverarbeitung gegenüber. An erster Stelle ist hier die Erfindung der Fetthärtung durch den deutschen Chemiker Wilhelm Normann zu nennen. Durch Anlagerung von Wasserstoff kann das leicht ranzig werdende Walöl in eine haltbare Form überführt werden. Mehr noch: Diese gehärtete Form kann in der Margarineproduktion eingesetzt und somit der menschlichen Ernährung zugeführt werden.

1902 meldet Normann seine Erfindung zum Patent an, das Todesurteil für die Großwale der Antarktis. Er selbst schreibt 1922 hierzu: „Lebhaft beklagt wird die kräftige Entwicklung der Härtungsindustrie jedenfalls von den Walfischen und anderen Seetieren; denn diese sehen sich durch die Fanggesellschaften, die zugleich mit der Fetthärtung einen außerordentlichen Aufschwung genommen haben, ernstlich in ihrem Dasein bedroht. Im Norden ist dieses Seewild schon fast ausgerottet; auf der südlichen Hälfte unseres Erdballs, wo jetzt die Hauptfangplätze liegen, wird dies auch in absehbarer Zeit der Fall sein (. . .).“

Deutschland wird zum weltweit größten Abnehmer von Walöl, das nicht nur für die menschliche Ernährung sondern auch für die Herstellung von Glycerin, dem Ausgangsmaterial zur Produktion des Sprengstoffes Nitroglycerin (Dynamit) verwendet wird. Besondere Bedeutung findet dies selbstverständlich zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Wale müssen sterben, um Menschen zu töten.

Einen weiteren Beitrag zur Perfektionierung der Walverarbeitung liefert die deutsche Ingenieurskunst. Der von Sommermeyer entwickelte Kocher verbessert entscheidend die Qualität des gewonnenen Walöls und gehört bald zur Standardausrüstung schwimmender Walfang-Fabrikschiffe. Nachdem 1925 noch die norwegische Erfindung der Heckaufschleppe hinzukommt, können die getöteten Wale mit relativer Leichtigkeit an Bord der Fabrikschiffe verarbeitet werden.

Zu dieser Zeit gibt es bereits Anstrengungen deutscher Unternehmen eine eigene Walfangflotte aufzubauen. Diese werden zunächst jedoch noch von der Weltwirtschaftskrise und dem auf Grund des intensiven Raubbaus verfallenden Walölpreis aufgehalten. 1930/31 waren in der Antarktis allein knapp 30 000 Blauwale getötet worden. Man hatte soviel Öl erzeugt, dass die norwegischen Fangflotten 1931/32 nicht ausliefen. Als Gegenreaktion auf den Preisverfall kam es zur Bildung eines Walöl-Trusts der britisch-norwegischen Fanggesellschaften, was zunächst auch einer Beteiligung weiterer Nationen entgegenwirkte.