Wale mussten sterben, um Menschen zu töten

von Kersten & Entrup | FR | Frankfurt | 4. Oktober 2000

5. Flaggentausch

Nach dem Krieg wird dem besiegten Deutschland durch das Potsdamer Abkommen 1945 eine Wiederaufnahme des Walfangs untersagt. Schiffe entsprechender Tonnage dürfen nicht neu-, jedoch umgebaut werden. Jene Schiffe der deutschen Walfangflotte, die den Krieg überstanden haben, werden unter den Siegermächten aufgeteilt. Walfangschiffe gehen an Großbritannien, die USA und über Umwege an Norwegen, die Sowjetunion und Südafrika.

Angesichts der schwierigen Ernährungslage gibt es unmittelbar nach dem Krieg in Deutschland viele auf eine Wiederaufnahme des Walfangs drängende Stimmen. Was die Alliierten den Japanern gestattet haben, verwehren sie jedoch den Deutschen. Als schließlich im April 1951 die dem Bau einer deutschen Walfangflotte entgegenstehenden Bestimmungen fallen, will niemand mehr das unternehmerische Risiko auf sich nehmen. Zu deutlich ist bereits geworden, dass angesichts fortgesetzter Überfischung und verfallender Walölpreise kein Platz für eine weitere Fangflotte mehr in der Antarktis ist. Dennoch wird Deutschland in den 50er Jahren tief in eines der dunkelsten Kapitel der Walfanggeschichte verstrickt. Der Reeder Aristoteles Onassis macht sich die Ausnahmeregelung zu Nutze, dass Walfangschiffe auf deutschen Werften zwar nicht neu-, wohl aber umgebaut werden dürfen. So entsteht 1950 auf der Howaldt-Werft in Kiel aus einem Tanker das Walfangschiff „Olympic Challenger“.

Mit 350 deutschen Besatzungsmitgliedern, darunter viele arbeitslose Seeleute mit Vorkriegs-Walfangerfahrung, dem deutschen Kapitän Reichert sowie dem norwegischen Nazi-Kollaborateur Lars Andersen als Fangleiter läuft die „Olympic Challenger“ unter der Flagge Panamas im Herbst 1950 Richtung Antarktis aus. Diese Walfangexpedition missachtet selbst noch die wenigen bestehenden Schutzbestimmungen für Wale, was schließlich den Unmut der um ihren Anteil an der Beute fürchtenden Norweger weckt.

Das Schiff wird 1956 an die Kette gelegt und im gleichen Jahr von Onassis an die Japaner verkauft. Der Verkauf der „Olympic Challenger“ markiert den Endpunkt aktiver deutscher Walfangbeteiligung. Die Beteiligung insbesondere Norwegens, Japans und der Sowjetunion an der weiteren Ausbeutung weltweiter Walbestände dauert hingegen an. Der dramatischen Reduktion der Giganten der Meere folgte bekanntlich 1982, in jenem Jahr als Deutschland der IWC beitrat, der Beschluss der IWC, den kommerziellen Walfang weltweit zu verbieten, welcher 1986 in Kraft trat.

6. Einen konsequenten Schlussstrich setzen

Zusammenfassend und im Hinblick auf die eingangs besprochene Problematik der Verschleierung kommerzieller Walfangaktivitäten als Bestandteil nationaler Tradition ist festzustellen, dass Deutschland sehr viel eher noch als Norwegen eine die Kultur vieler „Küstengemeinden prägende Walfangtradition“ besitzt. So wie die Norweger es heute mit ihrer vermeintlichen Tradition versuchen, hat man in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die deutsche Grönlandfahrt zur Rechtfertigung deutscher Walfangansprüche herangezogen. Der kommerzielle Walfang wurde als zeitgemäße Fortsetzung der Grönlandfahrt mit anderen Mitteln dargestellt.

Der Gedanke, heute eine Wiederaufnahme deutschen Walfangs zu fordern und dies mit dem Argument der Tradition zu begründen, erscheint absurd. Norwegen hingegen hat zumindest seit den 80er Jahren konkret eine derartige Strategie entwickelt, die auf die weitere Ausbeutung der Giganten der Meere setzt. Anhand des Einsatzes einer bewusst über einen Zeitraum hinweg manipulierten Terminologie soll und unter dem ebenso vergewaltigten Schlagwort der „nachhaltigen Nutzung“ eine Vorgehensweise fortgeführt werden, der jegliche Existenzberechtigung fehlt.

Die Walfangnationen Norwegen und Japan verstehen es geschickt, zum eigenen Vorteil rechtliche Schlupflöcher der internationalen Konvention zur Regulierung des Walfangs auszunutzen, ohne dabei auf konkreten Widerstand zu stoßen. Die Anmeldung des Vorbehaltes gegenüber dem Moratorium ermöglicht Norwegen den kommerziellen Walfang, und unter Berufung auf Artikel 8 der Konvention fährt Japan mit der Jagd auf Wale für angeblich wissenschaftliche Zwecke fort.

Internationale Beschlüsse und wiederholte Kritik stoßen auf taube Ohren. Dieser anhaltende Trend schafft unserer Ansicht nach einen gefährlichen Präzedenzfall in der internationalen Politik, der die Sinnhaftigkeit internationaler Konventionen in Frage stellt. Indem man Norweger und Japaner gewähren lässt, werden Begehrlichkeiten bei weiteren walfangwilligen Nationen geschaffen, die sich im Übrigen der ideellen und materiellen Unterstützung durch die Japaner sicher sein dürfen.