Bundeslandwirtschaftsministerium verweigert Schutz der bedrohten Ostsee-Schweinswale

von | Meeresmuseum | Stralsund | 12. April 2019

Der Schutzstatus der Schweinswale der inneren Ostsee wurde kürzlich, trotz eines Antrags der Whale and Dolphin Conservation Society (WDC) und der Coalition Clean Baltic (CCB) nicht in der Liste der wandernden Arten auf das höchste Niveau Anhang I des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten (CMS) gehoben. Grund ist, dass der Ostseeschweinswal keine eigenständige Art ist und somit das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ihn nicht als besonders schützenswert bewertet. Im Gegensatz dazu führt die Internationale Kommission zum Schutz der Natur (IUCN), den Ostseeschweinswal als Subpopulation auf ihrer Roten Liste als besonders schützenswert und mit ca. 500 verbleibenden Tieren, als vom Aussterben bedroht. Die Eigenständigkeit der Population der Schweinswale der inneren Ostsee wird u. a. durch neuere genetische Untersuchungen der Universität Potsdam deutlich aufgezeigt. 

Forscher halten Schutz der Schweinswale der inneren Ostsee für dringend erforderlich

Derzeit gibt es keinerlei wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse die darauf hindeuten, dass sich die Schweinswal-Population der inneren Ostsee positiv entwickelt. Ein Verbund internationaler Wissenschaftler hat unter Beteiligung des Deutschen Meeresmuseums gezeigt, dass der Schutz jetzt und umfassend notwendig ist. 

„Wenn diese Schweinswale der inneren Ostsee verschwunden sind, dann sind sie weg für immer. Sie werden nicht ersetzt durch Schweinswale der westlichen Ostsee“

Dr. Harald Benke (Direktor des Deutschen Meeresmuseums Stralsund)

„Die Internationale Walfangkommission (IWC), das größte Schutz- und Management Organ für Wale weltweit, fordert seit vielen Jahren die Umsetzung des Jastarniaplans zum Schutz des Ostseeschweinswals, der insbesondere die Reduktion des Beifangs auf null Tiere vorsieht“, sagt Dr. Helena Herr vom Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg. 

„Die Schweinswale der inneren Ostsee müssen auf Grund des Vorsorgeprinzips vor dem Aussterben bewahrt werden“, gibt Dr. Meike Scheidat von Wageningen Marine Research in den Niederlanden zu bedenken. 

Fragwürdige Schutzmaßnahmen

Beifang eines Schweinswalkalbes. (Foto: Dr. Michael Dähne/Deutsches Meeresmuseum)

Für Schweinswale stellen insbesondere Stellnetze eine große Gefahr dar, in denen sich die Tiere verfangen und ertrinken. Die gegenwärtig vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen hält Dr. Michael Dähne, Kurator für Meeressäugetiere vom Deutschen Meeresmuseum für fragwürdig: „Das BMEL empfiehlt den Einsatz von Warngeräten an diesen Netzen. Diese wurden in der inneren Ostsee nie ausprobiert. Und aufgrund des drohenden Aussterbens der Ostseeschweinswale können sie dort auch nicht getestet werden. Diese Methode hilft weder Fischern noch Schweinswalen in der inneren Ostsee.“ 

Netzmarken an den Flippern eines Schweinswales. (Foto: Dr. Michale Dähne/Deutsches Meeresmuseum)

Notwendig ist vielmehr die Entwicklung alternativer beifangarmer Fischereimethoden und eine anschließende Förderung entsprechender Fanggeräte. „Die Fischer brauchen eine deutliche Nachricht aus dem Ministerium, dass sie Unterstützung bekommen. Es geht darum, Lösungen für die Zukunft zu schaffen, mit der die Küstenfischer überleben können“, sagt Dr. Harald Benke. Für die Ostseepopulation wurde bereits 2002 durch das Kleinwalschutzabkommen ASCOBANS (CMS) festgelegt, dass schon ein einzelner Beifang die Population gefährdet und deshalb vermieden werden muss. „Die deutliche Feststellung des Ministeriums, dass der Schutz der lokalen Küstenfischerei über dem Schutz einer durch CMS geschützten Art und vom Aussterben bedrohten Subpopulation steht, ist eine direkte Verletzung von internationalen Verpflichtungen Deutschlands“, wundert sich Dr. Michael Dähne. „Es muss stattdessen zusammen daran gearbeitet werden, die Gefahr von Stellnetzen für Schweinswale zu bekämpfen und dazu sind wir jederzeit bereit.“ 

Schweinswal-Populationen in deutschen Gewässern

Der Schweinswal ist die einzige heimische Walart, die sich in deutschen Gewässern dauerhaft aufhält und dort vermehrt. Es gibt in den deutschen Gewässern sogar drei verschiedene Populationen dieser höchstens 1,80 Meter großen Meeresbewohner. Während die Tiere der Nordsee und der westlichen Ostsee noch zahlenmäßig gut vertreten sind, lebt in der inneren Ostsee eine Gruppe, deren Bestand auf gerade mal etwa 80 – 1.091 Tiere geschätzt wird. Doch wird diese Population, die sich in anatomischen Merkmalen, im Erbgut und im Verhalten von den anderen Schweinswalen unterscheidet, nicht besonders geschützt.

Beispiel Vaquita: Versagen wir genauso bei unseren Schutzanstrengungen?

Im Golf von Mexiko stirbt gerade eine Schweinswalart aus. Der Vaquita, die kleinste Schweinswalart der Welt, besteht nur noch aus weniger als 30 verbliebenen Tieren. Ihr Verhängnis ist, wie in der Ostsee, der Beifang in der dort illegalen Stellnetzfischerei auf den Totoaba. Im Golf von Kalifornien wurden unzureichende Schutzmaßnahmen zu spät ergriffen. Vor 20 Jahren gab es noch etwa 500 Tiere, so viele, wie heute Schweinswale in der inneren Ostsee.

Links zum Text

Literatur zum Thema

BENKE, H., S. BRÄGER, M. DÄHNE, A. GALLUS, S. HANSEN, C. G. HONNEF, M. JABBUSCH, J. C. KOBLITZ, K. KRÜGEL, A. LIEBSCHNER, I. NARBERHAUS und U. K. VERFUSS (2014):
Baltic Sea harbour porpoise populations: status and conservation needs derived from recent survey results.
Marine Ecology Progress Series 495: 275-90.

CARLÉN, I., L. THOMAS, J. CARLSTRÖM, M. AMUNDIN, J. TEILMANN, N. TREGENZA, J. TOUGAARD, J. C. KOBLITZ, S. SVEEGAARD, D. WENNERBERG, O. LOISA, M. DÄHNE, K. BRUNDIERS, M. KOSECKA, L. A. KYHN, C. T. LJUNGQVIST, I. PAWLICZKA, R. KOZA, B. ARCISZEWSKI, A. GALATIUS, M. JABBUSCH, J. LAAKSONLAITA, J. NIEMI, S. LYYTINEN, A. GALLUS, H. BENKE, P. BLANKETT, K. E. SKÓRA und A. ACEVEDO-GUTIÉRREZ (2018):
Basin-scale distribution of harbour porpoises in the Baltic Sea provides basis for effective conservation actions.
Biological Conservation 226: 42-53.

GALATIUS, A., C. KINZE, Christian und J. TEILMANN (2012):
Population structure of harbour porpoises in the Baltic region: evidence of separation based on geometric morphometric comparisons.
Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom 92: 1669-76.

HUGGENBERGER, S., H. BENKE und C. C. KINZE (2002):
Geographical variation in harbour porpoise (Phocoena phocoena) skulls: Support for a separate non-migratory population in the Baltic proper.
Ophelia 56: 1-12.

LAH, L., D. TRENSE, H. BENKE, P. BERGGREN, Þ. GUNNLAUGSSON, C. LOCKYER, A. ÖZTÜRK, B. ÖZTÜRK, I. PAWLICZKA, A. ROOS, U. SIEBERT, K. SKÓRA, G. VÍKINGSSON und R. TIEDEMANN (2016):
Spatially Explicit Analysis of Genome-Wide SNPs Detects Subtle Population Structure in a Mobile Marine Mammal, the Harbor Porpoise.
PLoS One 11: e0162792.

TIEDEMANN, RALPH, LJERKA LAH und MARIJKE AUTENRIETH (2017):
Individuenspezifische genetische Populationszuordnung baltischer Schweinswale mittels hochauflösender Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs)-Technologie.
Abschlußbericht zur Vorlage beim Bundesamt für Naturschutz FKZ: 3514824600: 29 S.

WIEMANN, A., L. W. ANDERSEN, P. BERGGREN, U. SIEBERT, H. BENKE, J. TEILMANN, C. LOCKYER, I. PAWLICZKA, K. SKORA, A. ROOS, T. LYRHOLM, K. B. PAULUS, V. KETMAIER und R. TIEDEMANN (2010):
Mitochondrial control region and microsatellite analyses on harbour porpoise (Phocoena phocoena) unravel population differentiation in the Baltic Sea and adjacent waters.
Conservation Genetics 11: 195-211.

Erstellt auf Basis einer Information des Deutschen Meeresmuseums Stralsund

Schreibe einen Kommentar