Pottwalkalb an schottischer Küste gestrandet

von Jan Herrmann | cetacea.de | Wittmund | 2. November 2018

An der Küste von South Uist, der zweitgrößten Insel der Äußeren Hebriden, ist ein Pottwalkalb gefunden worden. Dieser nördliche Fundort macht die Beobachtung zur zoologischen Sensation. Denn das ist der am weitesten in Norden liegende Nachweis für weibliche Pottwale an den europäischen Küsten (ohne Island).

Am 18. Oktober 2018 entdeckt. Auf South Uist angespültes Pottwalkalb. Photo: Scottish Marine Animal Strandings Scheme

Warum ist das Pottwalkalb verendet?

Das 337 cm lange, männliche Kalb wurde am 18. Oktober von einer Spaziergängerin bei Kilbride auf der schottischen Insel South Uist gefunden. Es hatte noch nicht geatmet, wie Mitarbeiter des schottischen Strandungsnetzwerkes SMASS durch eine Schwimmprobe des Lungengewebes festgestellt haben. Der Nabel war vorhanden und die Körperlänge liegt etwas unter der bekannten Geburtslänge für Pottwale. Die SMASS Wissenschaftler vermuten, dass es sich um einen Abort handelt oder um eine Geburtskomplikation. Die ersten Sektionsergebnisse zeigen, dass das Pottwalkalb Hämatome am Schädel und den Schulterblättern entwickelt hat, die auf starke Traumata während der Geburt deuten können. Es wird aber auch noch mikrobiologisch geprüft, ob Aborterreger eine Rolle gespielt haben. Die Analyse stabiler Isotope ist ebenfalls geplant. Das würde eine geographische Einordnung erlauben, wo die Pottwalkuh sich aufgehalten und Nahrung aufgenommen hat. Das Skelett wird ein schottisches Museum bekommen.

Pottwalkühe meiden den Norden

Verbreitung weiblicher Pottwale (dunkelblau) und männlicher Pottwale (hellblau) weltweit. Cetacea.de Graphik 2015
Pottwale zeigen nicht nur einen gewaltigen Unterschied zwischen den Geschlechtern in der Größe ausgewachsener Tiere. Pottwalbullen und -kühe unterscheiden sich auch in ihrem Lebenswandel. Die Bullen der Nordatlantik-Pottwale ziehen etwa ab der Pubertät in nördliche und kältere Gewässer. Dort finden sie ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Während die alten Bullen zum Winter wieder gen Süden ziehen, um dort Pottwalkühe für die Paarung zu finden, vagabundieren jüngere Bullen in gemäßigteren nördlichen Gewässern herum. Diese, zum Teil aber auch die wandernden älteren Bullen geraten gelegentlich in die Nordsee, irren dort in völlig ungeeigneter Umgebung zwischen den Küsten umher und verenden meist an unseren Küsten.
Die weiblichen Pottwale bleiben in ihren familiären Gruppen in den wärmeren Gewässern. Etwa 15° Wassertemperatur markiert die Grenzen ihrer Ausbreitung. Das ist im Nordatlantik ein Gebiet vom 40. Breitengrad im Westen aufstrebend mit dem warmen Golfstrom bis etwa zum 50. Breitengrad im Osten. Die Gewässer um die britischen Inseln gehören nicht mehr zum Verbreitungsgebiet der weiblichen Pottwale. Eigentlich.

Seltene Funde

Grafik mit der Fundorten von Pottwalkälbern und einer Pottwalkuh im Norden
Nachweise weiblicher Pottwale im Norden. Cetacea.de Graphik auf Basis von cunyip, CC-BY-SA 4.0

Nur extrem selten lassen sich Pottwalkühe nördlicher nachweisen. Bekannt sind zwei Pottwalkälber, die am 4. September 1916 (HARMER 1917) und am 5. Mai 2004 (SANTOS et al. 2006) an der irländischen Küste gestrandet sind. Beide Kälber waren unter 6 m lang und es kann angenommen werden, dass die Mütter in der Nähe gewesen sind.
Am 10. Juli 2016 ist ein weiblicher Pottwal am Strand von Perranporth in Cornwall gestrandet (BBC). Länger zurück liegt eine aufsehenerregende Massenstrandung bei Audierne in der französischen Bretagne (BONNATERRE 1789). 31 weibliche Pottwale sind dort am 14. März 1784 verendet. RICE (1989) zitiert auch noch HARMER (1927), der einen Fund an der Westküste Islands aufgeführt hat. Bei der auch von RICE (1989) zitierten von ANDERSON (1747) beschriebenen Strandung von 17 männlichen und weiblichen Pottwalen bei Neuwerk am 2. Dezember 1723 handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Fehler bei der Geschlechtsbestimmung.

Links

The Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS@Facebook)

Literatur

ANDERSON, JOHANN (1747):
Nachrichten von Island, Grönland und der Straße Davis, zum wahren Nutzen der Wissenschaften und der Handlung. Mit Kupfern, und einer nach den neuesten und in diesem Werke angegebenen Entdeckungen, genau eingerichteten Landcharte. Nebst einem Vorberichte von den Lebensumständen des Herrn Verfassers.
Georg Christian Grund, Frankfurt und Leipzig: 368 S.

BONNATERRE, J. PIERRE (1789):
Cetologie. Tableau Encyclopédique et Méthodique des trois Règnes de la Nature. Paris.
Panckoucke, Paris: 28 S.

HARMER, S. F. (1917):
Report on Cetacea stranded on the British Coasts during 1916.
British Museum of Natural History, London.

HARMER, S. F. (1927):
Report on Cetacea stranded on the British coasts from 1913 to 1926.
British Museum of Natural History, London

RICE, Dale W. (1989):
Sperm Whale Physeter macrocephalus Linnaeus, 1758.
in Sam H. Ridgway und R. Harrison: River Dolphins and the Larger Toothed Whales, S. 177-233
Academic Press, London.

SANTOS, M. B., S. BERROW und G. J. PIERCE (2006):
Stomach contents of a sperm whale calf Physeter macrocephalus L. found dead in Co Clare, Ireland.
Irish Naturalist’s Journal 28: 272-75.

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