Hinweise auf Erholung der Finnwal-Bestände in der Antarktis

von | Uni Hamburg / AWI | Hamburg/Bremerhaven | 7. Juli 2022

Finnwale wurden in der Antarktis durch industriellen Walfang nahezu ausgerottet. Nun konnte ein Forschungsteam um Dr. Helena Herr von der Universität Hamburg erstmals systematisch zeigen, dass sich die Bestände erholen. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlicht.

Die Finnwale der Südhemisphäre bilden die Unterart Balaenoptera physalus quoyi. Sie werden durchschnittlich 22 Meter lang, wiegen um die 70 Tonnen und ernähren sich hauptsächlich von Krill und kleinen Schwarmfischen. In der Antarktis wurde die Population im 20. Jahrhundert durch Jagd auf ein bis zwei Prozent ihrer ursprünglichen Größe dezimiert. 1976 wurde die Fangquote für Finnwale auf null gesetzt, doch die Tiere kehrten nur vereinzelt in ihre angestammten Nahrungsgebieten zurück.

Finnwalisches Fressgelage

Finnwale beim gemeinsamen Fressen
Finnwale fressen im Weddellmeer nahe Elephant Island nördlich der Westantarktischen Halbinsel. Bild: Alfred-Wegener-Institut / Helena Herr

Nachdem bei einzelnen Expeditionen in den 2000er-Jahren wieder mehr Tiere gesichtet wurden, hat das Forschungsteam um Dr. Helena Herr, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Biologie sowie am Centrum für Erdsystemwissenschaften und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg, die Vorkommen nun erstmals systematisch untersucht. Bei zwei Expeditionen in die Antarktis 2018 und 2019 konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nachweisen, dass die Finnwale wieder in großer Zahl in den Nahrungsgründen zu finden sind. Mithilfe von Drohnenflügen, Beobachtungen vom Schiff und vor allem sogenannter schiffsgestützter Helikoptersurveys wurden erstmals wieder Ansammlungen von fressenden Finnwalen dokumentiert, zweimal waren es bis zu 150 Tiere.

„Diese hohe Tierdichte und das Wiederauftreten sogenannter Fressaggregationen, die seit Beginn des Walfangs nicht mehr beobachtet wurden, deuten auf eine Populationserholung hin“, erklärt Dr. Helena Herr, die auch Gastwissenschaftlerin am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) ist. Aus Sicht der Forschenden zeigt das Verbot der Waljagd damit Erfolg. Und auch auf das Ökosystem hat die Erholung der Bestände positive Auswirkungen: Die Ausscheidungen der Finnwale sorgen in den oberen Wasserschichten für mehr Nährstoffe, insbesondere Eisen, was wiederum anderen Lebewesen zugutekommt. 

Prof. Bettina Meyer und Dr. Helena Herr stellen die Finnwal-Fressansammlungen in beeindruckenden Filmaufnahmen vor. Angesprochen wird ein mögliches kooperatives Fressen von Finnwalen. Film: Alfred-Wegener-Institut / BBC

Walpumpe für den Klimaschutz

Der Effekt, der als „Whale Pump“ bezeichnet wird, könnte auch im Kampf gegen den Klimawandel relevant sein: „Die Kleinstlebewesen, die von dem reicheren Nährstoffangebot profitieren, nehmen viel CO2 auf und leisten so einen wichtigen Beitrag zum Abbau von Kohlenstoff in der Atmosphäre“, so Herr. Die CO2-Bindung eines der weltweit bedeutendsten Meeresgebiete könnte durch die größeren Walpopulationen also gesteigert werden.

Je mehr Krill gefressen wird, desto mehr Krill gibt es

Die Wale fressen den Krill nicht nur, sie nutzen ihm auch: Die Ausscheidungen der Wale düngen den Ozean, denn die darin enthaltenen Nährstoffe wie das in der Antarktis limitierte Eisen sind für das Wachstum des Phytoplanktons (Kleinstalgen) im Wasser essentiell. Phytoplankton wiederum ist die Nahrung für Krill. „Wenn die Walpopulation größer wird, recyceln die Tiere mehr Nährstoffe und in der Folge kann der Südliche Ozean produktiver werden. So können mehr Algen wachsen, die ihrerseits über die Photosynthese Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen und dadurch den CO2-Gehalt in der Atmosphäre senken“, erklärt Prof. Dr. Bettina Meyer, Biologin am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) und am Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität, sowie Professorin an der Universität Oldenburg, die Co-Autorin der aktuellen Studie. 

Die Studie ist eine Kooperation der Universität Hamburg mit dem AWI sowie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, dem Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität Oldenburg und der BBC. 2018 wurde die Forschung im Rahmen einer Expedition des Forschungsschiffs „Polarstern“ unter Leitung der AWI-Biologin Prof. Bettina Meyer durchgeführt, 2019 war es eine Expedition der BBC auf der „Pelagic Australis“. Die BBC hatte bereits die erste Fahrt begleitet und vom Helikopter sowie mithilfe von Drohnen Filmaufnahmen erstellte. Es sind die weltweit ersten Filmdokumentationen von Finnwal-Aggregationen.

Besprochene Fachpublikation:

HERR, H., S. VIQUERAT, F. DEVAS, A. LEES, L. WELLS, B. GREGORY, T. GIFFORDS, D. BEECHAM und B. MEYER (2022):
Return of large fin whale feeding aggregations to historical whaling grounds in the Southern Ocean.
Scientific Reports 12(1): 9458.
DOI: 10.1038/s41598-022-13798-7

Aus Presseinformationen der Universität Hamburg und des Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Das Vorschaubild des Berichts zeigt einen Finnwal im Südpolarmeer, aufgenommen im Rahmen des Marine Marine Mammal Perimeter Surveillance-Projekts der AWI Ozeanakustik-Gruppe von Bord des Forschungsschiffes Polarstern. Bild: Alfred-Wegener-Institut / AWI Ocean Acoustics Group

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